Mit Onkel Ziege auf der Fulle

Der legendäre Kapitän des Dampfers Elsa: Heute vor 50 Jahren starb Ernst Ziege

Eine Institution auf Kassels Fluss: Kapitän Ernst Ziege steuerte fast 50 Jahre lang seine „Elsa“ über die Fulda. Er wurde 81 Jahre alt. Dieses Foto wurde 1960 aufgenommen – sechs Jahre vor Zieges Tod.

Kassel. So wie die Fulda zu Kassel gehört, stand kaum je ein Kasseler so sehr für die Fulda wie Ernst Ziege. Der legendäre Kapitän des Schaufelraddampfers Elsa ist heute vor genau 50 Jahren gestorben.

Fast fünf Jahrzehnte lang schipperte Ziege ungezählte Ausflügler von Kassel auf dem Fluss zur „Grauen Katze“ und manchmal auch bis Hann. Münden. Noch fünf Jahre nach Zieges Tod – bis 1971 – war die Elsa auf dieser Route unterwegs. Dann waren die Zeiten auch dieser Kasseler Legende vorbei.

Begonnen hatten sie gleich nach dem ersten Weltkrieg, als Ziege das Schiff erwarb und wieder flott für Ausflugsfahrten machte. „Onkel Ziege“ mit seiner Kapitänsmütze war seither der Star bei Kasseler Kindern, nicht nur an Bord: Wenn an warmen Tagen das Signalhorn der Elsa ertönte, schwangen sich die Jungs aufs Fahrrad, verfolgten den Dampfer und hüpften hinter der Elsa in den Fluss, wo sie sich von den Fahrtwellen durchschaukeln ließen. Manchmal hielten sie auch das hölzerne Schaufelrad fest und wurden dann von Zieges erzürntem Heizer mit Kohlen beworfen.

Den Fulleschiffer aber mit seinem freundlichen Wesen mochten alle. Wenn Ziege Geburtstag hatte, war die Elsa geschmückt und manche Kasseler warfen Blumen von den Brücken, wenn das vielfach auf Ansichtskarten verewigte Schiff sie unterquerte. Auch als während der Nazizeit völkische Ausflugskonkurrenz durch den „Kraft-durch-Freude“-Dampfer „Wilhelmshöhe“ aufkam, fuhren die meisten Passagiere weiterhin lieber mit dem Sozialdemokraten Ziege, dessen Zuhause an Land an der Hafenstraße in der Unterneustadt war.

An Bord meistens dabei war Ernst Zieges Tochter Gertrud. Seit ihrem zwölften Lebensjahr begleitete sie ihren Vater aufs Wasser, verkaufte später Fahrkarten und übernahm jahrzehntelang die gastronomische Bewirtschaftung auf der Elsa.

Diesel statt Dampfkraft: Auf diesem Foto von 1968 war der Antrieb der Elsa längst umgerüstet – am Heck stand weiterhin „Dampfer“. Das charakteristische Schaufelrad blieb erhalten. Fotos:  Archiv

Getrud Ziege, später eine Verheiratete Harjes, bewies auch Geschäftssinn für die kalte Jahreszeit, wenn die Elsa nicht fuhr und dennoch Geld verdient werden musste: Das von ihr aufgebaute Fachgeschäft „Ziege & Harjes“ für Kostümierungen, Fest- und Dekorationsartikel gibt es noch heute an der Werner-Hilpert-Straße – genau genommen ebenfalls eine Kasseler Legende.

Die legendäre Elsa war seit 1960 bei Lichte besehen kein Dampfer mehr: Kapitän Ziege, damals bereits im 75. Lebensjahr, folgte den Zeichen der Zeit und rüstete das Schiff von Dampfkraft auf einen Dieselmotor um. Eine schwarze Rauchfahne stieß die Elsa seither nicht mehr aus, das 35 Zentner schwere Schaufelrad am Heck aber blieb erhalten.

So sehr standen Kapitän Ziege und seine Elsa für Kassel, dass eine zum Dampfer umdekorierte Straßenbahn jahrzehntelang in den Landfestzügen des Zissels mitfuhr.

Die Spur der Elsa verliert sich auf einer Werft in Minden an der Weser, wo sie 1974 schließlich abgewrackt wurde. Im kollektiven Gedächtnis der Kasseler lebt sie weiter, ebenso wie ihr unvergessener Kapitän.

Hintergrund: Geschichte der Elsa: Wie der Dampfer zu seinem Namen kam

Als die Fuldaschifffahrt in Kassel 1895 mit der Einweihung des Hafens begann, war der Dampfer Elsa noch ein Schlepper und hieß ursprünglich Gustav. Da das kohlebefeuerte Schiff aber einen Schraubenantrieb hatte, der für die Fulda zu tief ging, wurde es zu einem Hinterrad-Salondampfer umgebaut. Der damalige Eigner, Kapitän Julius Dehne, taufte das umgerüstete Schiff auf den Namen seiner ältesten Tochter: Elsa.

Der 1. Weltkrieg bedeutete das vorläufige Aus für die „Lustfahrten“ auf der Fulda. 1919 nahm sich Ernst Ziege dann des verrosteten Dampfers an – und machte die Elsa zu einem Kasseler Wahrzeichen, das fast fünf Jahrzehnte lang für Generationen von Ausflüglern und Einwohnern zum Inbegriff für das Stadtleben an und auf der Fulda wurde. Ernst Ziege starb am 12. Oktober 1966. Seine Familie führte das Schifffahrtsunternehmen zunächst weiter, konnte dann aber die Mittel für eine dringend notwendige Generalüberholung der Elsa aufbringen. Das Schiff wurde 1971 verkauft und schließlich verschrottet. Im Museum der Fuldaschifffahrt am Kasseler Hafen ist ein großes, maßstabsgetreues Modell der Elsa zu sehen.

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