Geständnis ersparte Erpressungs-Opfer die Aussage

„Letzte Chance“ für Rocker der Hells Angels

Vom Rocker-Chef zum Familienvater: Der ehemalige Präsident des „Hells Angels MC Charters Göttingen“ (rechts) will heute mit dem inzwischen verbotenen und aufgelösten Verein nichts mehr zu tun haben. Unser Bild zeigt ihn mit seinem Verteidiger Patrick Riebe. Daneben der mitangeklagte Bruder und dessen Verteidiger Mirko Oestreich. Die Brüder erhielten Bewährungsstrafen. Foto: bf

Kassel. Sie wollten einen Mann mit Kinderpornografie erpressen. Deshalb sind am Dienstag der Ex-Präsident der Hells Angels Göttingen und sein Bruder verurteilt worden. Zwei weitere Rocker wurden ebenfalls verurteilt. Ein Blick in den Gerichtssaal.

Die Arme sind ein bisschen muskulöser als üblich, die Tätowierungen, die sich am Hals über dem Kragen des weißen Designerhemdes schlängeln, ein bisschen martialischer. Dafür setzt der frühere Rocker-Präsident ein charmantes Lächeln auf, scherzt mit dem Gerichtspersonal und signalisiert: Hier sitzt ein geläuteter Familienvater, der seine von Gewalttaten wie Körperverletzung, Beleidigung, Bedrohung und Nötigung geprägte Zeit als Chef der Göttinger Hells Angels lange hinter sich gelassen hat.

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Dass der 49-Jährige auch anders kann, schilderte Staatsanwältin Richter in ihrem Plädoyer: Bei den von der Polizei abgehörten Telefonaten habe er „ordentlich auf die Pauke gehauen und so gesprochen, wie man es von einem Hells Angels erwartet“. Die Anklägerin erinnerte an das Geschehen im vergangenen Jahr. Damals hatten Mitglieder der Hells Angels einem 60-jährigen Wahlsburger beim Umzug geholfen. Sie wurden auf einen größeren Geldbetrag aufmerksam, den dieser aus einem Versicherungsfall im Tresor aufbewahrte.

Wenig später wurde bei dem Mann eingebrochen, das Geld, ein Wandbild mit einem Hells-Angels-Motiv und ein Notebook gestohlen. Als der 60-Jährige vermutete, die Rocker stünden hinter dem Einbruch, wurde es schnell ungemütlich für ihn. Weil er die „Ehre“ der Hells Angels beschmutzt habe, sollte er zunächst 30 000 Euro bezahlen. Anderenfalls würde er erschossen. Als die Angeklagten auf dem Notebook des Bestohlenen riesige Mengen kinderpornografischer Dateien entdeckten, schraubten sie ihre Forderungen auf 100 000 Euro hoch und drohten damit, den Computer sonst „dem Amt“ zu übergeben.

Große Polizeiaktion 

Das Erpressungs-Opfer ging jedoch zur Polizei, die das Rocker-Quartett Anfang September in einer spektakulären Aktion mit zahlreichen Einsatzkräften vor der Wohnung des 60-Jährigen in Wahlsburg (Landkreis Kassel) festnahm. Weil die beiden Hauptangeklagten diesen Sachverhalt gestern in vollem Umfang einräumten, blieb dem Erpressungs-Opfer eine Aussage vor Gericht erspart.

Der Verteidiger des ehemaligen Rocker-Präsidenten, Patrick Riebe, hatte darauf verwiesen, dass zwischen seinem Mandanten und dem späteren Opfer die Vereinbarung zur Gründung eines gemeinsamen Unternehmens mit guten Profitchancen bestanden habe. Als die kinderpornografischen Bilder und Filme auf dem Notebook gefunden wurden, auf dem sich auch private Fotos von Frau und Kind seines Mandanten befanden, sei diese Geschäftsbeziehung sofort beendet worden. Statt den strafbaren Besitz der Kinderpornografie anzuzeigen, kam der Rocker-Chef auf die Idee, sich das entgangene Geld über den Erpressungsversuch zu holen.

Richterin Ferchland glaubte den beiden Angeklagten, dass sie die Monate Untersuchungshaft in der JVA Wehlheiden - ihre erste Zeit hinter Gittern - nachhaltig beeindruckt hat, aber: „Sie standen beide unter Bewährung. Wenn Sie jetzt auch nur beim Schwarzfahren erwischt werden, geht es für einige Jahre in den Knast.“ Da nickten die beiden Männer ergeben.

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