Roland B. kommt in der JVA besser zurecht als in Freiheit

Am liebsten im Gefängnis: 59-Jähriger hat sich freiwillig gestellt 

Kassel. „Ich komme mit Beamten in den Gefängnissen besser klar als mit den Menschen draußen“, sagt Roland B. Der 59-Jährige hat 25 Jahre seines Lebens im Knast verbracht.

B., der aus Brandenburg stammt, hat bereits 25 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht, zum größten Teil wegen Eigentumsdelikten. Jetzt muss er 50 Tage absitzen, weil er eine Geldstrafe von 750 Euro nicht zahlen konnte. Über den Grund dieser Strafe muss Roland B., der schon einiges auf dem Kerbholz hat, aber selbst lachen.

Die Festnahme 

Fühlt sich im Gefängnis wohler als in Freiheit: Roland B. stellte sich am IC-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe freiwillig und wurde in die Justizvollzugsanstalt Kassel I nach Wehlheiden gebracht.

Im Herbst vergangenen Jahres sei er in Polen gewesen und habe sich dort Feuerwerk für Silvester mitgenommen. Eines Tages habe er sich entschlossen, eine Gerichtsverhandlung in Berlin zu besuchen. Bei derEingangskontrolle musste er seine Taschen leeren und den Inhalt in eine Kiste legen. Darunter war auch ein Polenböller, die ja in Deutschland verboten sind. Als B. das Gericht wieder verlassen wollte, wurde er wegen des Böllers bereits von der Polizei empfangen. Später wurde er deshalb wegen eines Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz zu 750 Euro verurteilt. Mit dieser Verurteilung ist seine Bewährung bei zwei anderen Strafen wegen Schwarzfahrens aufgehoben worden. Das heißt, dass er nach den 50 Tagen noch ein weiteres Jahr absitzen muss.

Die Kindheit 

Roland B. war zehn Jahre alt, als er das erste Mal Gitter vor dem Fenster sah. Damals war er in einem Durchgangsheim in Berlin. „Mit fünf Jahren bin ich in die Psychiatrie gekommen. Man hat damals festgestellt, dass etwas bei mir nicht stimmte“, sagt der heute 59-Jährige. Er war bis zum 18. Lebensjahr in verschiedenen Kinderheimen und Einrichtungen in der DDR untergebracht. „Ich war schwer erziehbar.“ Seine Eltern hätten sich schon um ihn gekümmert, er habe aber einen eigenen Kopf gehabt. B. machte einen Abschluss als Landschaftsgärtner. Kurz darauf wurde er erstmals straffällig: B. stahl ein Moped.

Die Strafen 

Anschließend beging Roland B. immer wieder Einbrüche und klaute Autos. Er saß in den DDR-Gefängnissen in Waldheim, Dresden, Bautzen und Chemnitz. Nach der Wende musste er unter anderem Haftstrafen in Hannover, Uelzen und Frankfurt/Main verbüßen. Als Transportgefangener lernte er auch das Gefängnis in Kassel-Wehlheiden kennen. Hier gefalle es ihm sehr gut, sagt B. Er habe übrigens alle Strafen immer voll abgesessen und nie einen Antrag gestellt, vorzeitig entlassen zu werden. Seine letzte Haftstrafe (fünf Jahre und neun Monate) saß Roland B. in Berlin-Tegel von 2006 bis 2012 wegen gewerbsmäßigen EC-Kartenbetrugs ab. Während der Haft ließ sich seine Frau von ihm scheiden.

Das Privatleben 

Roland B. war dreimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau bekam er eine Tochter, die 1985 geboren wurde. Zu ihr hat er keinen Kontakt mehr. Über die zweite Ehe will er nicht reden. Die dritte Ehe scheiterte wegen des Knasts. Nichtsdestotrotz träumt Roland B. weiter davon, eine Frau kennenzulernen, „die alles mit mir mitmacht“. Das sei auch ein Grund dafür, warum er so oft schwarz mit der Bahn fahre. Er sei dann in Deutschland unterwegs und hoffe, eine neue Liebe zu finden. „Geborgenheit habe ich bisher nur gefunden, wenn ich Geld hatte.“ Als er 2012 aus der Haft entlassen wurde, hatte er 1800 Euro in der Tasche, die er im Knast verdient hatte. B. war vier Tage lang auf dem Strich in Frankfurt/Main unterwegs und gab das Geld für Prostituierte aus.

Die Gedanken 

Er habe schon oft Suizid-Gedanken gehabt und sei auch in der Psychiatrie behandelt worden, sagt B. „Ich will aber niemandem schaden. Deshalb kann ich mich nicht vor einen Zug werfen oder in der Zelle erhängen. Den Ärger will ich keinem Lokführer oder JVA-Beamten machen.“

Die Zukunft 

Roland B. hat im Gefängnis immer als Hausarbeiter gearbeitet. „Ich habe auch für die Beamten Kaffee gekocht. Das hat mir Spaß gemacht.“ Er habe nie Ärger gemacht und nie Ärger bekommen. „Ich brauche die Struktur, die es hinter Gittern gibt. “ Deshalb habe er auch schon einmal darüber nachgedacht, für immer im Knast zu bleiben. „Aber ich will ja niemanden umbringen, um lebenslang zu bekommen.“

Roland B. wurde am Freitag in die JVA Hünfeld verlegt, weil in der JVA Kassel I eigentlich keine Ersatzstrafen abgesessen werden. Darüber war er nicht glücklich. Er äußerte den Wunsch, dass wir seiner 81-jährigen Mutter den Artikel zuschicken.

Das sagt die JVA: Kein Einzelfall

Es komme immer wieder vor, dass Inhaftierte das Gefängnis nicht verlassen wollen, sagt Gerhard Vogl, Abteilungsleiter in der Justizvollzugsanstalt Kassel I in Wehlheiden. Von daher sei Roland B. kein Einzelfall. Bei diesen Inhaftierten handele es sich in der Regel um Hausarbeiter, die im Gefängnis eine Struktur für ihr Leben finden, die sie in Freiheit nicht haben. „Wir sind manchmal auch so eine Art betreutes Wohnen“, sagt Vogl.

Rubriklistenbild: © dpa

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