„So fest lag der Strick um unseren Hals noch nie“

Protest gegen Werksschließung: 600 Lokbauer blockierten Straße

Kassel. Etwa 600 der 850 Beschäftigten des Bombardier-Werks in Kassel haben am Donnerstag lautstark gegen die drohende Schließung der traditionsreichen Lokfabrik protestiert.

Gemeinsam mit Gewerkschaftern, Vertretern benachbarten Unternehmen und Sympathisanten haben die Beschäftigten die Holländische Straße eine Stunde lang stadteinwärts blockiert.

Zuletzt aktualisiert um 15.08 Uhr

Der Chef der IG Metall in Nordhessen, Oliver Dietzel, sagte unter dem Beifall der Betroffenen: „Das Management macht seinen Job nicht, und wir sollen das ausbaden. Das lassen wir uns nicht gefallen“.

Auch der Betriebsratsvorsitzende im Lokwerk, Markus Hohmann, gab Bombardier die Schuld an den aktuellen Problemen. Fachliche Defizite, häufige personelle Wechsel und die ständigen Umstrukturierungen hätten den Standort und das gesamte Unternehmen geschwächt. „Und nun soll Kassel eliminiert werden. Das lassen wir nicht zu.“

Sein Stellvertreter Erhard Peter, machte den Beschäftigten klar, wie es um den Standort steht. „So fest lag der Strick um unseren Hals noch nie“, warnte er. In Berlin regiere Missmanagement und Inkompetenz. Kassel solle trotz guter Produkte und Auftragslage platt gemacht werden. „Kommen Sie endlich zur Vernunft und an den Verhandlungstisch“, forderte er. IG Metall und Arbeitnehmervertretung seien gesprächsbereit. Unterdessen hat Kassel bereits 51 Loks an das Schwesterwerk Vado Ligure verloren, wohin nach dem Willen des Managements mittelfristig die gesamte Kasseler Produktion verlagert werden soll. Ob das so einfach geht, bleibt aber abzuwarten. Denn der Betriebsrat hat das Management mit einer Betriebsvereinbarung von 1996 überrascht, wonach Produkt- und Standortverlagerungen mit ihm abzustimmen sind. Sie wird jetzt geprüft. Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen und SPD-Landtagsabgeordnete übten scharfe Kritik an den Bombardier-Plänen und kündigten Widerstand an.

Grund der Protestveranstaltung war ein bundesweiter Aktionstag gegen den geplanten Abbau von 1430 der 10.500 Stellen des Bahntechnik-Herstellers im Inland. Das Werk Kassel mit seinen 850 Beschäftigten soll trotz sehr guter Auslastung nach dem Willen des Managements mittelfristig sogar ganz aufgegeben werden. Nach gesicherten Informationen der HNA plant das Management, die Produktion der gefragten Multi-Engine-Loks noch in diesem Jahr ins italienische Schwesterwerk Vado Ligure zu verlagern.  

Proteste bei Bombardier

Diese neuartige Lokomotive hat nicht einen einzigen großen, sondern vier kleine, intelligent gesteuerte Antriebe an den Rädern, die sich je nach Belastung wahlweise zu- und abschalten. Das spart Energie. Die Deutsche Bahn – der Hauptkunde der Kasseler Lokbauer – will bis zu 200 dieser Zugmaschinen ordern.

Gewerkschaft und Betriebsrat haben massiven Widerstand gegen die Pläne angekündigt. Hinter den Kulissen arbeiten auch Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen, das Regionalmanagement sowie die Landesregierung – namentlich Ministerpräsident Volker Bouffier und Justizministerin Eva Kühne-Hörmann – und SPD-Oppositionschef Thorsten Schäfer-Gümbel an Abwehrstrategien.

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