Lotsin im Rotlicht-Milieu

Sozialarbeit mit Prostituierten: Rumänisch-Übersetzerin hilft leichten Mädchen

Drei Engel für Fif: Die Sozialarbeiterinnen Sabrina Franz (links) und Gabi Kubik (rechts) mit ihrer Übersetzerin Alina Pop (Mitte) sind ein gut eingespieltes Team bei der Streetworkarbeit. Foto: Hein

Kassel. Mit einem Hilferuf der Sozialarbeiterinnen des Vereins „Frauen informieren Frauen" (Fif) vor einem Jahr hatte alles begonnen.

Für die Streetwork-Arbeit im Rotlicht-Milieu ihrer Abteilung „Sichtbar" wurden Übersetzerinnen für Rumänisch und Bulgarisch gesucht. Alina Pop meldete sich für das Ehrenamt.

„Sprache ist der Schlüssel“, sagt Gabi Kubik von Sichtbar. Wenn die Frauen, die sie an den Orten aufsuchen, wo sie auch ihre Freier empfangen, weder Deutsch noch Englisch sprechen - was bei den meisten rumänischen und bulgarischen Prostituierten der Fall ist - beeinträchtigt das die Arbeit. „Wir erreichen diese Frauen mit unseren Hilfsangeboten nur, wenn wir kommunizieren können.“

Auf den Aufruf in der HNA meldeten sich einige Muttersprachlerinnen. Eine davon war Alina Pop. Die heute 36-Jährige mit rumänischem und ungarischem Pass war vor drei Jahren nach Kassel gekommen, weil ihr Mann Marian Pop als Opernsänger ein Engagement am Staatstheater hatte. Jetzt sind sie dabei, in Kassel Wurzeln zu schlagen. Ihr kleiner Sohn geht hier inzwischen zur Schule.

Alina Pop, die in ihrer Heimat Transsilvanien Management studiert hat und bereits in Rumänien für eine österreichische Firma als Übersetzerin gearbeitet hatte, belegte in Kassel zu allererst einen Deutschkurs. Ihre Lehrerin war es, die der jungen Frau vorschlug - nicht zuletzt um die frisch erworbenen Deutschkenntnisse anzuwenden - sich bei Fif zu melden.

Ein Jahr lang begleitete Alina ehrenamtlich Sabrina Franz und Gabi Kubik bei deren aufsuchender Sozialarbeit. „Nach meinen ersten Kontakten mit Prostituierten in wirklich desolater Verfassung, fragte ich mich, ob ich diesen schweren Job durchhalte. Die Probleme der Frauen sind einfach ...“, Alina stockt: „... unvorstellbar. Ich versuche, deren Sorgen abends nicht mit nach Hause zu nehmen.“ Bald war Alina Pop in die Arbeit hineingewachsen. Heute sagt sie: „Ich arbeite mit ganzem Herzen.“

Die Prostituierten, hauptsächlich Roma-Frauen, die sie besuchen, fassten nach anfänglicher Skepsis schnell Vertrauen. Immer öfter luden sie die Sozialarbeiterinnen von sich aus zur Tasse Kaffee ein. „Sie genießen es, in ihrer Muttersprache zu sprechen“, sagt Gabi Kubik: „Inzwischen ist es so, dass viele sogar schon auf uns warten.“

Ein Teil der 30 bis 40 Frauen, die sie regelmäßig antreffen, nimmt das Angebot an, sich zum Gesundheitsamt begleiten zu lassen, um sich auf ansteckende Krankheiten untersuchen zu lassen. Das ist der Auftrag des EU-Projekts Ehap das die aufsuchende Sozialarbeit der Sichtbar-Frauen für die nächsten drei Jahre finanziell absichert. Seitdem kann auch Alina Pop für ihre Arbeit entlohnt werden. „Ohne unsere freundliche Übersetzerin, die bei den Frauen gut ankommt, könnten wir unsere Arbeit nicht machen“, sagt Sabrina Franz. Nach wie vor suchten sie weitere Übersetzerinnen für Rumänisch und Türkisch.

Eine Förderung durch den Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (Ehap) richtet sich in Kassel speziell an Frauen, die aus dem EU-Ausland nach Deutschland gekommen sind. Ziel ist es, den Frauen Informationen zu gesundheitlichen Fragen zur Verfügung zu stellen, ihnen Anlaufstellen zu nennen, und sie bei Bedarf zum Gesundheitsamt oder zum Arzt zu begleiten. In Kassel heißt das Projekt „Gwen“: Es bedeutet „Gesundheitsförderung und Hilfe für neu zugewanderte Unionsbürgerinnen, die in Kassel in der Prostitution tätig sind“. Es wird im städtischen Frauenbüro verwaltet, die Beratungsarbeit wird vom Verein „Frauen informieren Frauen“ mit Sichtbar-Beratung für Frauen, die in der Prostitution tätig sind oder waren und dem Zweckverband Diakonisches Werk Kassel geleistet.

Langfristig soll den Frauen Zugang zur Unterstützung durch die Regelsysteme verschafft werden, indem beispielsweise geklärt wird, ob eine Krankenversicherung besteht, oder wie Versicherungsschutz hergestellt werden kann. Die Frauen werden auf der Straße erreicht oder in den Appartements, in denen sie der Prostitution nachgehen.

Das Projekt wir zu 85 Prozent durch die EU gefördert. Zu zehn Prozent gehen Mittel des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales ein, und zu fünf Prozent kommunale Mittel als Kofinanzierung. Insgesamt stehen bis 2018 insgesamt 250 000 Euro zur Verfügung. Auch Projekte des Kulturzentrums Schlachthof und des Frauentreffs Brückenhof, die Beratung für EU-Zugewanderte anbieten, werden gefördert.

Infos und Kontakt: www.fif-kassel.de

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