Linker Industrie-Technik an Bunsenstraße

Einer der ältesten Betriebe Hessens: Kasseler Sieb-Produktion seit 294 Jahren

Grobmaschig: Dieses Sieb hat verhältnismäßig große Löcher. Bei den ganz feinmaschigen sind sie nicht einmal zu erfühlen. Unser Foto zeigt Linker-Mitarbeiter Oleg Weigand. Foto: Schachtschneider

Kassel. Die kleine, unscheinbare Linker Industrie-Technik (LIT) GmbH an der Bunsenstraße ist wirklich etwas Besonderes - und zwar in zweierlei Hinsicht.

Zum einen gehört sie mit 294 Jahren ohne Zweifel zu den ältesten Industriebetrieben Hessens. Zum anderen sind die Produkte des Traditionsbetriebs ziemlich speziell.

Und genau das macht den Erfolg von LIT aus. Denn die elf Beschäftigten um Geschäftsführer Frank Kottig entwickeln und produzieren hochwertige Analyse-, Apotheken- und Industriesiebe für eine Vielzahl von Anwendungen. Sie werden in der Pharmazie, in der Lebensmittelbranche, zur Rohrreinigung, von Baustoffproduzenten, in Raffinerien und Chemiewerken, Wasch- und Entfettungsanlagen, Turbinen und zahlreichen industriellen Prozessen eingesetzt.

„Überall, wo verschiedene feste oder flüssige Stoffe voneinander getrennt oder nach Körnungen sortiert werden müssen, werden unsere Erzeugnisse gebraucht“, sagt Kottig. Viele Anwendungen entzögen sich seiner Kenntnis. Denn LIT beliefere vielfach Händler. „An wen die weiterverkaufen und was der Käufer damit macht, wissen wir oft nicht“, erklärt Kottig.

Die kleinste Maschenweite liegt bei 0,02 Millimetern, ist mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen und fühlt sich so glatt wie polierter Autolack an. Die Maschen sind so klein, dass selbst Wasser zu dick ist, um durchzukommen. Das geht nur unter Druck. Nach oben kennt die Maschenweite keine Grenzen. Für die Baustoffindustrie kann sie schon mal backsteingroß sein.

Das Geschäft läuft nach Angaben Kottigs „sehr gut“. Als Gründe führt er nicht nur die robuste Konjunktur, sondern vor allem auch die Sonderstellung von LIT an. „Im Gegensatz zum Wettbewerb bauen wir Siebe in jeder Abmessung und Form“, beschreibt der Geschäftsführer die spezielle Kompetenz des Kasseler Siebspezialisten. Einstellige Stückzahlen oder sogar Unikate sind keine Seltenheit.

Die Riesenserien preiswerter Massenware überlässt LIT den großen Spielern. Er und sein Team sind für das Knifflige, für Speziallösungen zuständig, die man sich gut bezahlen lässt. „In dieser Nische fühlen wir uns wohl“, sagt er. Eine bis 1,5 Millionen Euro setzt Linker jährlich um.

Derartige Anbieter gibt es laut Kottig drei oder vier – weltweit. „Aber wir sind am längsten am Markt und haben dank hoher Qualität einen sehr guten Ruf“, sagt er. Wer eine individuelle, komplexe Sieblösung brauche, lande früher oder später in Kassel. Der Exportanteil liegt bei 25 Prozent. „Was Thyssen und Krupp für Essen sind, ist Linker für Hessen“, lautet ein alter, längst vergessener, aber auch leicht ironischer Slogan.

Die Abmessungen der Siebe sind ebenso vielfältig wie die Maschenweite. Die kleinsten Produkte sind so groß wie eine Ein-Cent-Münze, die größten haben einen Durchmesser von zwei Metern.

Hintergrund: 1722 erstmals urkundlich erwähnt

Der Ursprung des heutigen Unternehmens geht mindestens auf 1722 zurück. In jenem Jahr wurde der Siebmacher Johann David Lüncker in Neustadt bei Marburg erstmals urkundlich erwähnt – die offizielle Geburtsstunde der heutigen Linker Industrie-Technik GmbH (LIT). Neun Generationen blieb der Betrieb in der Hand der Familie, deren Namen sich Ende des 18. Jahrhunderts in Linker wandelte. Die fünfte Generation, namentlich Josef Linker, verlegte den Betrieb 1875 nach Kassel. 1987 wurde das Unternehmen in die Bereiche Industrietechnik sowie Tor- und Zaunsysteme aufgeteilt. 2004 übernahm Industriemeister Frank Kottig 25 Prozent der Gesellschaftsanteile, vier Jahre später die restlichen drei Viertel. Der 55-jährige Unternehmer ist in Sachen Siebe ein alter Hase: Er kam 1978 als Jugendlicher zu Linker und lernte dort von der Pike auf.

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