Sommer-Interview

Hilgen zu Flughafen: „Man braucht einen langen Atem“

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Bertram Hilgen.

Noch ein Jahr ist Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen im Amt. In seinem letzten Sommerinterview mit der HNA gab er ein fast kämpferisches Bekenntnis zum Flughafen ab und plädierte für die künstlerische Freiheit des documenta-Kurators.

Sie tragen plötzlich Vollbart. Wie kommt’s? 

Hilgen: Es gefällt meiner Frau, das ist entscheidend. Ich hatte immer einen Vollbart, bevor ich mich das erste Mal um das Amt des Oberbürgermeisters beworben habe. Aber meine Wahlkampftruppe hat damals gesagt: Das sieht auf dem Plakat nicht gut aus. Da habe ich ihn abgenommen und hatte einen Riesenstreit mit meiner Liebsten. Inzwischen hat sie sich dran gewöhnt, aber ich brauche jetzt keine Plakate mehr. Jetzt kehre ich, ein bisschen grauer, zu dem Aussehen aus dem Jahr 2004 zurück.

Zu einem ernsten Thema: Man hat den Eindruck, dass die schwarz-grüne Landesregierung nicht voll hinter dem Flughafen Kassel-Calden steht. 

Hilgen: Mein Eindruck ist, dass der hessische Finanzminister und Aufsichtsratsvorsitzende voll hinter dem Flughafen steht und ihn positiv entwickeln will. Deshalb habe ich keine Sorgen, dass die Landesregierung den Flughafen herabstufen, abwickeln oder stilllegen könnte. Im Gegenteil: Dr. Thomas Schäfer macht das mit hoher Fachkunde und großem Engagement.

Und was tun Sie als Aufsichtsratsmitglied und SPD-Politiker? 

Hilgen: Ich kümmere mich als Oberbürgermeister darum, dass sich der Flughafen in der schwierigen Zeit, in der er sich aufgrund der Spannungen mit der Türkei und Ägypten befindet, bestmöglich entwickelt. Wir werden noch eine ganze Reihe von Jahren brauchen, bis er sich als neuer Flughafen am Markt etablieren kann. Und als Oberbürgermeister bin ich bereit, diese lange Strecke mitzugehen.

Aber im schwarz-grünen Koalitionsvertrag ist festgelegt, dass der Flughafen schon 2017 überprüft und über seine Zukunft entschieden wird. 

Hilgen: Das ist eine politische Willensbekundung der Regierungsparteien in Wiesbaden. Ich will nur darauf hinweisen: Wir haben mit dem Land Verträge. Wir haben 2004 eine rechtlich verbindliche Grundsatzerklärung abgeschlossen, dass wir einen Flughafen bauen und betreiben wollen und die Gesellschafter das Defizit entsprechend ihren Anteilen tragen. Dieser Vertrag kann nur im Einvernehmen aller Gesellschafter verändert werden, und das sind vier (das Land Hessen, Stadt und Landkreis Kassel sowie die Gemeinde Calden, Anm. d. Red.). Insofern ist ein einseitiges Vorgehen des Landes rechtlich gar nicht machbar - und ich glaube auch nicht, dass das Land das letztendlich will.

Das heißt, auch eine Rückstufung des Flughafens zum Verkehrslandeplatz ist nur mit Zustimmung aller Gesellschafter möglich? 

Hilgen: So ist das. Wir haben ja keinen Verkehrslandeplatz, sondern einen Flughafen für 271 Millionen Euro finanziert und gebaut - und das ist kein Pappenstiel.

Aber die Lage am Flughafen ist nicht die beste. Es gibt keinen Winterflugplan, und die Germania legt sich noch nicht fest, ob sie im Sommer 2017 überhaupt ab Calden fliegt. Wann muss man die Reißleine ziehen, um nicht noch mehr Steuergeld zu verbrennen? 

Hilgen: Erstens: Wir, und damit meine ich die drei kommunalen Gesellschafter und auch das Land, haben immer die Auffassung vertreten, dass es beim Flughafen in erster Linie um die regionalwirtschaftliche Bedeutung geht und nicht um die Gewinn- und Verlustrechnung der Flughafengesellschaft. Zweitens arbeiten dort neben den 135 Beschäftigten des Flughafens 800 Menschen in 20 Unternehmen, die sich ohne den Flughafen vermutlich nicht in Calden angesiedelt hätten. Und drittens: Jenseits der Touristikflüge haben wir in Nordhessen eine Reihe von Unternehmen, die überall in der Welt ihr Geld verdienen und ab Calden fliegen. Übrigens gab es 2015 in der Geschäftsfliegerei rund 1400 Flugbewegungen.

Sie stehen also weiterhin fest zum Flughafen? 

Hilgen: Von den rund sechs Millionen Euro Verlust des Flughafens im Jahr muss die Stadt etwa eine Millionen Euro tragen - das ist viel Geld, aber bei einem Haushalt von 750 Millionen Euro eine handhabbare Größe. Deshalb stehe ich dafür, dass wir uns noch eine Reihe von Jahren an der Abdeckung des Defizites beteiligen. Wie lange das dauern wird, weiß derzeit niemand. Aber es war von vornherein klar: So ein Projekt braucht Zeit, und die sollte man ihm auch geben. Man benötigt einfach einen langen Atem, und den hatte ich und habe ihn auch weiterhin.

Ist damit auch zu erklären, warum man weiterhin an dem Geschäftsführer festhält? 

Hilgen: Die Prüfung durch einen Wirtschaftsprüfer und einen Juristen hat ergeben, dass sich Ralf Schustereder rechtlich nichts hat zu Schulden kommen lassen im Zusammenhang mit einer Beziehung, die durch die Welt gegeistert ist. Und für die internationalen Spannungen und den Einbruch des Türkeigeschäftes kann Schustereder zweifelsfrei nichts. Er hat einen schwierigen Job in einer schwierigen Zeit, deshalb sehe ich keinen Grund, ihn abzulösen.

Andere Flughäfen schaffen es aber, dass Fluggesellschaften zusätzliche Verbindungen bei ihnen etablieren. Warum klappt das nicht in Kassel? 

Hilgen: Ich weiß nicht, wie andere Flughäfen das machen. Wir brauchen noch immer die Genehmigung der EU, um das Defizit des Flughafens abdecken zu dürfen. Um das nicht zu gefährden, müssen wir bei der Anfangsunterstützung für Flugverbindungen von Airlines sehr vorsichtig sein.

Ralf Schustereder hat unter anderem versucht, Verbindungen nach Ägypten und in den Iran zu knüpfen. Sind diese Krisengebiete tatsächlich geeignete Destinationen für den Flughafen Kassel? 

Hilgen: Ich messe den Geschäftsführer an seinen Bemühungen und an seinem Einsatz. Wir haben ihn eingestellt, weil er Erfahrung in diesem Geschäft hat. Wegen seiner langjährigen Tätigkeit in Ägypten hat er eine Menge Kontakte dorthin. Als Mitglied des Aufsichtsrats schreibe ich ihm nicht vor, wo er sich engagiert.

Aber seitdem er die Geschäfte übernommen hat, ist ein ohnehin schon überschaubarer Flugplan noch dünner geworden. Im kommenden Winter gibt es überhaupt keine touristischen Flüge mehr. 

Hilgen: Als er den Flugplan übernommen hat, hatten wir auch keine diplomatischen Verwicklungen mit der Türkei, hatten keine Terroranschläge und politischen Veränderungen in diesem Land, die den einen oder anderen daran zweifeln lassen, ob das das richtige Urlaubsziel ist. All das kann man Herrn Schustereder nicht anlasten.

Im kommenden Jahr findet die documenta in Kassel und Athen statt. Man kann dann zwar von hier nach Athen fliegen, aber nicht umgekehrt von Athen nach Kassel. Ist das in Ihren Augen in Ordnung?

Hilgen: Das ist das typische Kasseler Gemähre. Wir sollten uns über das zusätzliche Angebot der Aegean Airlines freuen, dass man im Frühsommer von Kassel nach Athen fliegen kann. Umgekehrt kann man problemlos aus der ganzen Welt nach Kassel kommen.

Und was sagen Sie zu den Forderungen, dass festgeschrieben werden muss, dass Kassel Standort der documenta ist? 

Hilgen: Ich nehme diese Forderung aus der Kasseler Stadtgesellschaft ernst. Ich will nur darauf hinweisen, dass die künstlerische Freiheit schon jetzt dort endet, wo der Wirtschaftsplan Regelungen trifft. Den legen das Land und die Stadt als Gesellschafter fest, und sie setzen damit den finanziellen Rahmen für den Standort Kassel.

Ich warne davor, die künstlerische Freiheit des Kurators einzuschränken. Sie ist neben der langen Vorbereitungszeit von dreieinhalb Jahren der zentrale Erfolgsfaktor der documenta. Deshalb ist die documenta die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst und nicht nur eine von 220 Biennalen. Diese Freiheit haben bisher alle Kuratoren sehr verantwortungsvoll gehandhabt. Dass im April die documenta in Athen eröffnet wird, ist in meinen Augen keine Gefahr für den Standort Kassel.

Wie steht es denn um die Finanzen der documenta? Ist es sicher, dass der Kasseler Etat nicht abgezwackt wird und nach Athen geht? 

Hilgen: Wenn Geld fehlt, dann fehlt es in Kassel und in Athen. In diesen Gesprächen sind wir jetzt, nachdem die Künstler feststehen und die Ausstellungsorte konkretisiert sind.

Fehlt denn Geld? 

Hilgen: Das werde ich Ihnen jetzt nicht sagen. Nur so viel: Die d14 ist die dritte documenta, die ich als Aufsichtsratsvorsitzender begleite. Ich habe noch keine documenta erlebt, bei der das Budget unverändert geblieben ist. Und es würde mich sehr wundern, wenn es diesmal der Fall wäre.

Im zweiten Teil des Sommerinterviews spricht Hilgen über die Trinkerszene am Friedrichsplatz, die Kommunalpolitik und Bemühungen um mehr Wohnraum in Kassel. Wir veröffentlichen es in unserer Montagsausgabe. 

Bertram Hilgen: Stationen seiner OB-Karriere

Zur Person: 

Bertram Hilgen (62) stammt aus Tann in der Rhön, seine berufliche Karriere ist mit Kassel verbunden. Der Jurist (Studium in Marburg) war ab 1980 Referent von Oberbürgermeister Hans Eichel, den er nach Wiesbaden begleitete, als Eichel 1991 Ministerpräsident wurde. 1996 wurde Hilgen dann Regierungspräsident in Kassel und leitete später das Kommunale Gebietsrechenzentrum, ehe er 2005 zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Seine zweite und letzte Amtszeit endet am 21. Juli 2017. Danach will er als Erstes über die Alpen wandern. Hilgen hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe. Im vorigen Oktober hat er seine langjährige Lebensgefährtin Margit Berghof geheiratet.

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