„Mann für lange Linien“

Helmut Schmidt zu Gast in Kassel: Hans Eichel erinnert sich

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Besuch in Kassel 1972: Helmut Schmidt und Frau Loki mit Staatssekretär Holger Börner auf der Königsstraße.

Kassel. Auch in Kassel hatte Helmut Schmidt seine Fans: „Jubel in der Stadthalle“ berichtete die HNA über einen Auftritt des Bundeskanzlers am 20. September 1976 bei einer Wahlveranstaltung der SPD.

Die Stadthalle platzte aus allen Nähten, die meisten der 10 000 Zuschauer mussten Schmidts Auftritt auf dem Bildschirm vor der Tür verfolgen.

Schmidt war während seiner politischen Karriere mehrfach in Kassel. Im Oktober 1970 besuchte er als Verteidigungsminister eine Tagung der Bundeswehr-Zivilbeschäftigten in der Hindenburgkaserne (heute Wohnquartier Marbachshöhe). Und in seiner Zeit als Bundeswirtschafts- und Finanzminister trug er sich am 14. November 1972 ins Goldene Buch der Stadt ein, im Beisein des damaligen Oberbürgermeisters Karl Branner.

Überfüllte Stadthalle: Am 20. September 1976 sprach Bundeskanzler Helmut Schmidt vor vollem Haus in Kassel. Von links im Bild der damalige Bundestagskandidat Rudi Walther, Oberbürgermeister Hans Eichel und Holger Börner. Archivfoto: Lengemann

Hans Eichel hat Helmut Schmidt ungezählte Male getroffen. Bereits in seiner Funktion als Kasseler OB, vor allem aber während seiner Zeit als Bundesfinanzminister (1999-2005). Dreimal im Jahr habe er sich mit seinem Amtsvorgänger zu intensiven Debatten getroffen. Eichel hat noch vor Augen, wie Schmidt dann in seiner Tür stand: „Ihr könnt’s nicht“, habe er als Erstes gesagt und hinterhergeschickt: „Aber die anderen können’s auch nicht.“ „Wir hatten ein gutes Verhältnis“, sagt Eichel mit einem Schmunzeln, „aber so was musste man abkönnen.“ Den Spitznamen Schmidt-Schnauze trug der Sozialdemokrat nicht umsonst.

Er habe die Ansichten des erfahrenen Staatsmannes damals zu schätzen gewusst, sagt Eichel: „Ihn interessierte nicht mehr die Tagespolitik, sondern er sah die langen Linien.“ In der Kleinteiligkeit des Tagesgeschäfts als Minister sei dieser Blick aufs große Ganze für ihn wertvoll gewesen.

Schmidt sei ein „klarer Denker“ gewesen, sagt Eichel. Nach außen galt der damalige Kanzler zwar als Entscheider-Typ. Vorher, das wisse er von Mitarbeitern, so Eichel, habe Schmidt aber immer viel diskutiert und sich dann fast nie gegen das Votum gestellt.

Hans Eichel

Die Verbindung der beiden Sozialdemokraten hielt über die Politik hinaus. Zur Hochzeit und zum 70. Geburtstag flatterte Post aus Hamburg in Eichels Briefkasten. Das schönste Schreiben habe er aber von Loki Schmidt bekommen, der er zum 91. Geburtstag gratuliert hatte: „182 Jahre bedanken sich“, schrieb ihm das Ehepaar zurück. Helmut und Loki Schmidt seien ein einzigartiges Paar gewesen, sagt Eichel.

Im Juli 1979 sprach Schmidt vor den Delegierten des SPD-Bezirks Hessen-Nord in Baunatal, im September 1980 vor 6000 Zuhörern in der Kasseler Eissporthalle. Und im September 1982 wurde der Kanzler als SPD-Bundestagswahlkämpfer in der rappelvollen Kasseler Stadthalle umjubelt.

Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen würdigte Helmut Schmidt: Mit ihm verliere Deutschland einen großen Staatsmann, der in schwieriger Zeit an der Spitze der Bundesregierung stand. „Er war ein Sozialdemokrat mit klarer Haltung.“

Helmut Schmidt in Kassel

Erinnerungen: Als Loki Schmidt Kassel besuchte

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