Wie ein Erpresser einem Lebensmüden half

Mann in der Innenstadt von Dach geholt: Täter wurde zum Helfer

Kassel. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß. Das zeigte sich auch am Samstagnachmittag einmal mehr, als der verurteilte Erpresser Wissam Nasreddine in Kassel einen offenbar lebensmüden Rumänen vor einer Selbsttötung bewahrte.

Der Göttinger Nasreddine, der erst Ende 2013 wegen schwerer räuberischer Erpressung zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden war und nun auf den Erfolg seiner Revision hofft, entpuppte sich für die Polizei als Retter.

Für die Polizei war es unerheblich, wer da am Samstag gegen 15 Uhr auf die Beamten zu kam, die den Bereich vor dem Kaufhaus Sinn Leffers an der Königsstraße absicherten. „Er hat angeboten, uns zu helfen und das hat zum Erfolg geführt“, sagte Polizeihauptkommissar Helmut Gantner. Denn ein Dolmetscher zu organisieren, der mit dem Rumänen kommuniziert, hätte sich als schwierig erwiesen. „Bis dieser eingetroffen wäre, hätte es eventuell schon zu spät sein können.“

Zur Person

Wissam Nasreddine (31) ist ein Kickboxer aus Göttingen, der im November 2013 vor dem Landgericht Göttingen wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Nasreddine 2011 einem Lotto-Millionär über 400 000 Euro abgepresst hatte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, weil die Verteidigung Revision eingelegt hatte. Nasreddine behauptet, der Millionär habe das Geld freiwillig an ihn gezahlt, damit er ein Boxcamp für straffällig gewordene Jugendliche damit aufbauen könne. Nasreddine war 2010 „Big Brother“-Kandidat. (bal)

Um wem es sich bei dem hilfsbereiten Passanten, der in Kassel zum Einkaufen war, handelte, war der Polizei zu dem Zeitpunkt nicht klar: Der 31-Jährige Nasreddine ist nicht nur als verurteilter Erpresser eines Lotto-Millionärs in den Medien gewesen, sondern auch als Teilnehmer der RTL II-Show „Big Brother“, für die er 2010 vor der Kamera stand.

Am Samstag aber erlangte er rein zufällig Berühmtheit. Gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Kriseninterventionsdienstes des Deutschen Roten Kreuzes wurde der Göttinger von der Polizei auf das Dach gebracht.

Anschließend schilderte Nasreddine einem Redakteur der HNA, der zu dem Zeitpunkt auch nicht wusste, wen er vor sich hatte, was sich auf dem Dach abgespielt hatte. Er habe dort langsam etwas Vertrauen zu dem Mann aufbauen können. Dieser habe ihm gesagt, dass er hungrig und durstig sei. Daraufhin hätten die beiden gemeinsam etwas Wasser getrunken. Auch habe er dem offenbar mittellosem Mann 50 Euro gegeben. Durch Freunde beherrsche er ein paar Worte Rumänisch und auch sonst könne er gut mit Menschen reden.

Wissam Nasreddine nach der Rettung.

Gegen 15.30 Uhr ließ sich der Mann von Nasreddine tatsächlich überreden, das Dach zu verlassen.

Hunderte Schaulustige

Um die Menschen von dem Gebäude fernzuhalten, hatte die Polizei die Königsstraße vor dem Gebäude abgesperrt, Straßenbahnen wurden umgeleitet. Etliche Schaulustige filmten und fotografierten während der gesamten Aktion. Einige riefen dem Mann auch etwas zu. Die Feuerwehr hatte bereits einen Sprungretter, eine Art großes Luftkissen, vor Sinn Leffers aufgebaut.

Dann aber übergab Nasreddine den 58-Jährigen Rumänen an die Polizei. Der bei den Beamten bereits bekannte Rumäne, der keinen festen Wohnsitz hat, wurde anschließend in die Psychiatrie eingewiesen.

Von Bastian Ludwig

Bilder vom Einsatzort

Polizeiaufgebot: Mann stand auf dem Dach von Sinn Leffers

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Rubriklistenbild: © Malmus

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