Mehr Kinderehen in Kassel: „Die Familien reden nicht darüber“

Kassel. Die Kinderehe ist in Kassel angekommen. Wir sprachen mit Stefanie Burmester vom Mädchenhaus und Malala-Mädchenzentrum über das Thema.

Wie erfährt man überhaupt von Minderjährigen-Ehen unter Flüchtlingen ? 

Burmester: Das ist schwierig. Wenn die Familien das nicht angeben, etwa bei der Einreise, dann ist das nirgendwo registriert. Es wird nicht abgefragt.

Die Familien selbst reden in der Regel nicht darüber. Sie empfinden es als Privatangelegenheit. Diese Eheschließungen werden meistens auch nicht groß gefeiert. Oft kommen die Ehemänner aus der Verwandtschaft, sind Onkel oder Cousins. Die Ehefrau lebt dann bei der Familie des Mannes.

Manche Flüchtlinge werden schnell noch verheiratet, damit sie die Möglichkeit haben, den Ehepartner nachkommen zu lassen. Insgesamt haben wir unter den Flüchtlingen aber verhältnismäßig wenige minderjährige Mädchen. Arrangierte Ehen gibt es auch bei muslimischen Frauen, die hier geboren sind.

Was sagen denn die Mädchen selbst? 

Burmester: Für viele der betroffenen Mädchen sind arrangierte Ehen normal. Sie sehen darin zunächst nichts Ungewöhnliches. Vor dem Imam können die Brautleute zwei, drei mal einen Ehepartner ablehnen. Allerdings wird ein minderjähriges Mädchen psychologisch gesehen wohl kaum in der Lage sein, dem Plan der Eltern zu widersprechen. Sogar Studentinnen fügen sich arrangierten Ehen. Erst wenn Komplikationen auftreten, etwa, wenn Gewalt ins Spiel kommt, suchen sie unter Umständen Hilfe.

Wie kann man aufklären? 

Burmester: Man muss Geduld haben. Es geht vor allem über Bildung. Wenn die Mädchen und jungen Frauen den Zugang zu Bildung haben, wird sich das Bewusstsein langsam ändern. Sie haben dann eine andere Perspektiven als nur zuhause Ehefrau und Mutter zu sein.

Wie reagieren Behörden, wenn Kinderehen bekannt werden? 

Burmester: Dann wird die Familie eingeladen und aufgeklärt, dass Kinderehen nach deutschem Recht keinen Bestand. Die Aufklärung ist ein Prozess, sie geht nicht von heute auf morgen.

Oft sind die Eheschließungen ja aus Sorge um die Tochter verhandelt worden. Damit sie einen Aufpasser hat. Wir gehen schon davon aus, dass Eltern das Beste für ihre Kinder wollen, das sind ja keine Barbaren. Das heißt aber nicht, dass Mädchen nicht davor geschützt werden müssen, minderjährig verheiratet zu werden.

Ist Gewalt ein Thema? 

Burmester: Für viele diese Mädchen ist häusliche und sexuelle Gewalt gesellschaftlich akzeptiert. Das war übrigens bei uns in den 1960er-Jahren auch noch der Fall.

Sozialpädagogin/-arbeiterin Stefanie Burmester (51) hat an der Gesamthochschule Kassel studiert. Sie engagierte sich in der Frauen- und Mädchenarbeit. 1992 war sie Mitbegründerin des Kasseler Mädchenhauses und später des Malala-Mädchenzentrums. Sie ist Sprecherin des Kasseler Kooperationsarbeitskreises „Gemeinsam gegen sexuelle Gewalt aktiv“.

Das sagt das Amtsgericht

Die Eheschließung von Minderjährigen ist in Deutschland nicht grundsätzlich verboten. Allerdings darf nur ein Ehepartner minderjährig sein, braucht die Einwilligung seiner Eltern und muss mindestens 16 Jahre alt sein. Nur unter diesen Umständen und wenn das Familiengericht die Ehemündigkeit bestätigt, kann eine solche Ehe geschlossen werden. Solche Fälle hatte das Familiengericht Kassel aber nur zwei Mal in den vergangenen fünf Jahren zu entscheiden – in den vergangenen beiden Jahren gab es aber keinen Fall. „Anders ist es allerdings, wenn eine 14-Jährige zum Beispiel bereits in Syrien verheiratet wurde und die Ehe dort rechtsgültig geschlossen wurde. Dann gilt diese auch erstmal in Deutschland – auch wenn sie nicht mit unserem Recht vereinbar ist“, sagt Matthias Grund, Sprecher des Kasseler Amtsgerichtes. Nur wenn einer der Ehepartner die Aufhebung der Ehe beantrage, sei es ein Fall für das Gericht. Doch ein solcher Fall sei am Kasseler Familiengericht noch nicht vorgekommen.

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