Das Beispiel Mevlüt Bas:

„Mir war egal, ob ich töte“: Früherer Täter hilft jetzt anderen

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Es war pure Aggression: Mevlüt Bas war als Jugendlicher Mitglied einer Gang in Nord-Holland. Mit 18 ließ er dieses Leben hinter sich. Er möchte anonym bleiben.

Kassel. Mevlüt Bas drohte ein harter Bursche zu werden: In Kassel aufgewachsen, war er als Jugendlicher in einer Gang aktiv.

Schon vor seinem achtzehnten Geburtstag war er wegen Körperverletzung polizeilich bekannt. Heute hilft der mittlerweile 29-Jährige im Verein Respekt anderen Jugendlichen, einen neuen Weg einzuschlagen.

Mit 18 Jahren saß Mevlüt Bas für vier Tage in Wehlheiden hinter Gittern. Warum genau, will der Mann mit türkischen Wurzeln nicht sagen. „Die Richterin wollte mir zeigen, was mich erwartet, wenn ich so weitermache“, berichtet Bas. Die Erfahrung wirkte, vier Tage lang dachte er über seine Zukunft nach und er beschloss, sein Leben in den Griff zu bekommen. Die Richterin verurteilte ihn auch zu einem Anti-Aggressionstraining bei dem Verein Respekt in Kassel. Alles im allen sei das seine Rettung gewesen und er kehrte seinen Freunden und seiner Gang den Rücken zu.

Massenschlägerei mit 14

Wie alles für ihn begann, kann er nicht erklären. Alles habe sich nach der Grundschule entwickelt. „Wir haben die älteren, coolen Schüler gesehen und wollten auch so werden“, berichtet er. So rotteten sich die Freunde zusammen. Für Bas waren sie keine Gang, sie waren eine Clique – Freunde, die alles miteinander teilten. Sie seien zusammen ins Kino und ins Freibad gegangen, aber immer wenn die Clique aus der Siedlung rausging, kam es zu Konflikten. „Wenn einer von uns mit einem anderen Stress hatte, hatten wir alle Stress mit ihm“, sagt Bas.

Die erste große gewalttätige Auseinandersetzung hatte er als 14-Jähriger: Eine Massenschlägerei mit einer Gruppe Afghanen: „Sie waren neu und älter als wir, spielten sich auf, machten ‘nen Hotten“, erzählt er. Etwa 40 Jugendliche seien in die Massenschlägerei vor der Hegelsbergschule verwickelt gewesen. Erst habe man kurz miteinander diskutiert, dann sei man aufeinander losgegangen. 20 gegen 20.

Mevlüt tippt auf seine linke Schläfe, damals erwischte ihn dort ein heftiger Schlag. Er sei kurz orientierungslos gewesen, danach außer Kontrolle. „In dem Moment war mir egal, ob ich jemanden töte“, erinnert sich Bas. Erst beim Aufheulen der Polizeisirene sei er zur Besinnung gekommen und geflohen. Seine Aggressivität steigerte sich von Mal zu Mal, mit der Zeit verließ er sich nicht länger nur auf sich, sondern griff auch zu Schlagstock, Schreckschusspistole und Messer. Dies endete für ihn in einem viertägigen Gefängnisaufenthalt und eines Anti-Aggressionstrainings.

In dieser Zeit wurden seine Noten schlechter, er rutschte vom Gymnasialzweig zur Hauptschule ab, sechsmal musste er die Schule wechseln, am Ende ging er einfach nicht mehr hin. Die Clique war wichtiger. Er sagt: „Früher haben wir alles geteilt, jetzt macht jeder sein eigenes Ding.“

Nach dem viertägigen Gefängnisaufenthalt holte er seinen Hauptschulabschluss nach, machte ein Freiwilliges Soziales Jahr, danach eine Ausbildung.

Mittlerweile ist Mevlüt Bas glücklich verheiratet und hat eine neun Monate alte Tochter.

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