Amtsgericht verurteilt 22-Jährigen zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung

Milde für Tankstellenräuber

Kassel. Mit einem blauen Auge sei er davongekommen, sagte Richterin Focke und redete dem Angeklagten ins Gewissen, diese „letzte Chance“ zu ergreifen und sein Leben zu ändern. Zu eineinhalb Jahren Haft verurteilte das Amtsgericht einen 22-Jährigen, der Ende Mai eine Tankstelle an der Ysenburgstraße überfallen hatte.

Obwohl die Strafe auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde, bleibt der Verurteilte bis Mitte September im Gefängnis. Denn der alkohol- und tablettenabhängige Mann ist bereits mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Zuletzt, weil er ein Fahrrad geklaut hatte und die verhängte Geldstrafe nicht zahlen konnte. Deshalb verbüßt er zurzeit eine so genannte „Ersatzfreiheitsstrafe“. Danach wolle er eine Therapie beginnen, sagte der jungenhaft wirkende Angeklagte vor Gericht, denn: „So kann es auf keinen Fall weitergehen.“ Und dann einen Ausbildungsplatz suchen.

Zuvor allerdings müsse sein Mandant „erstmal körperlich auf die Beine kommen“, gab Rechtsanwalt Lengemann zu bedenken.

So wunderte es nicht, dass der Angestellte in der Tankstelle an der Ysenburgstraße kaum erschrocken war, als der „sehr schmächtige“ Räuber mit dem Brecheisen „wedelte“ und mit einer eindeutigen Geste Geld forderte. Mit dem 38-Jährigen sei er an einen „coolen Kassierer“ geraten, urteilte Richterin Focke. Denn der hatte bereits mehrere Überfälle erlebt, erzählte er als Zeuge. Dieser Räuber allerdings machte auf ihn den Eindruck „als sei er zugedröhnt“. Darum zückte der Kassierer den Baseballschläger, der unter dem Tresen für Notfälle bereitstand.

„Dann habe ich ihm nachdrücklich empfohlen zu gehen“, schilderte der 38-Jährige vor Gericht seine Reaktion. So höflich habe er das doch sicherlich nicht gesagt, fragte Richterin Focke nach. Und musste über die Antwort schmunzeln: „Verpiss dich du Arschloch, bevor ich dir den Schädel einschlage“, präzisierte sich der Zeuge.

Das wirkte. Auf dem Absatz drehte sich der mit einem Tuch maskierte Räuber um und verließ die Tankstelle. So war es auf einem Video zu sehen, das vor Gericht als Beweismittel diente. Darauf identifizierte sich der Angeklagte selbst.

Dieses Geständnis, seine Betäubungsmittelabhängigkeit, und dass er „keine besonders große kriminelle Energie“ gezeigt habe, wertete Staatsanwältin Fischer zu Gunsten des Angeklagten. Obwohl sie die schwere räuberische Erpressung für erwiesen ansah, forderte sie deshalb nur eineinhalb Jahre Haftstrafe und plädierte auf Bewährung.

80 Stunden gemeinnützige Arbeit legte das Gericht dem mittellosen jungen Mann ohne festen Wohnsitz auf Anregung der Staatsanwältin darüberhinaus als Strafe auf.

Rubriklistenbild: © dpa

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