Mildes Urteil nach Tankstellenüberfall in Kassel aus Geldnot

Kassel. Ein mildes Urteil hat das Amtsgericht über den Räuber gefällt, der Anfang März eine Tankstelle an der Leipziger Straße in Kassel überfallen hatte.

21 Monate Gefängnis für versuchte räuberische Erpressung verhängte das Schöffengericht als Strafe. Weil der Richter aber einen minderschweren Fall erkannte, wurde die Strafe für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Denn schon der eine Monat Untersuchungshaft nach seiner unmittelbaren Festnahme hätte hoffentlich einen deutlichen Eindruck bei dem Verurteilten hinterlassen. Das sagte Richter Leyhe und erntete für diese Einschätzung ein heftiges Nicken des nicht vorbestraften Mannes auf der Anklagebank. Dem rechnete das Gericht sein promptes Geständnis an.

Auch hatte der jungenhafte 32-Jährige von seiner „Schnapsidee“ des Tankstellenüberfalls resigniert abgelassen, als der Kassierer ihm sagte, dass sich der moderne Geldautomat nicht öffnen lasse. Der speit jeweils nur das passende Wechselgeld aus.

Daraufhin suchte der Mann mit dem Brotmesser und der Plastiktüte das Weite - und wurde nach seiner Aussage „gefühlt eine Minute später“ von Polizisten festgenommen. Denen schilderte er prompt seine Geldnot, die ihn zu der Tat getrieben habe. „Weil er Angst hatte, dass sich sein soziales Umfeld von ihm abwendet“, habe sein Mandant den spontanen Entschluss zu dieser Straftat gefasst, sagte sein Verteidiger.

Mit Kapuze und einer Bayern-München-Fahne vor dem Gesicht maskierte der ledige Kasseler sich an jenem späten Mittwochabend. Aber erst beim vierten Anlauf in der dritten Tankstelle brachte er die Worte „Das ist ein Überfall“ heraus.

Er habe „weiche Knie“ gehabt und wisse heute nicht mehr, „was mich geritten hat“, sagte der junge Mann, während er immer wieder den Blickkontakt zu seiner Mutter suchte. Die schluchzte auf, als er von seiner Panik berichtete, den Kontakt zu Familie und Freunden wegen seiner Lügengeschichten und der Schulden zu verlieren. Allein in einer bekannten Kasseler Diskothek habe er laut Clubkarte knapp 110 000 Euro ausgegeben. „Ich hab zu viel gefeiert und zu wenig verdient“, sagte der frühere Auslieferungsfahrer, der nun von Arbeitslosengeld lebt.

Wegen dieser Vorgeschichte verzichtete das Gericht auf die von Staatsanwältin Verena Bring beantragte zusätzliche Geldstrafe und stellte dem Verurteilten stattdessen einen Bewährungshelfer zur Seite, der ihm auch den Weg zur Schuldnerberatung ebnen soll. Darüber hinaus werde ihn die Bewährungshilfe bei 80 Arbeitsstunden für gemeinnützige Zwecke anleiten, betonte Richter Leyhe den Unterstützungscharakter der gerichtlichen Entscheidung. Eindringlich redete er dem jungen Mann zu, die Chance zu nutzen und betonte: „Sie sind kein verstockter Krimineller“. (and)

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