400 Jahre alten Mauern mussten 1972 weichen

Stück Geschichte vernichtet: Alte Aufnahmen zeigen Abriss der Zeughausruine

Kassel. 1972 ist etwas passiert, das heute unvorstellbar wäre: Ein großer Teil der 400 Jahre alten Zeughaus-Ruine wurde abgerissen - mitten in Kassel nahe dem Altmarkt.

Nicht, weil die historischen Mauern einsturzgefährdet waren, sondern weil Platz gemacht wurde für den Erweiterungsbau der Max-Eyth-Schule. Und von genau dieser Abriss-Sünde sind jetzt Filmaufnahmen zu Tage gekommen, die wir Ihnen auf der Internetseite unserer Zeitung im Video präsentieren:

Einer, der damals direkt am Zeughaus wohnte, nämlich an der Artilleriestraße, und die Abrissarbeiten aus seinem Fenster heraus beobachtete, war Martin Zenker. Mit seiner Privat-Filmkamera hielt er die staubige Arbeit fest. Sein Sohn Klaus Zenker (65) hat diese Aufnahmen nun, nach 44 Jahren, digitalisieren lassen und uns zur Verfügung gestellt.

Er erinnert sich noch an den Abriss. Mit nostalgischen Gefühlen hat das aber weniger zu tun. „Uns hat der Blick ein bisschen gestört, so schön waren die alten Mauern nicht mehr. Drinnen war viel Unrat und Ungeziefer, was ab und zu über die Straße lief.“

Mit Leben gefüllt: Die Caféteria der Max-Eyth-Schule wurde in die Ruine des Zeughauses gebaut. Archivfoto:  Socher/nh

Was einige Anwohner damals also anscheinend erleichtert hat, das löste bei vielen Menschen aus Kassel Empörung aus. Denn nach der Bombennacht am 22. Oktober 1943 ist vom alten Kassel nicht viel übrig geblieben. Auch das Zeughaus brannte komplett aus. Doch zumindest blieben die massiven Außenmauern komplett erhalten. Was die Bomben nicht schafften, vollendete zum großen Teil ein Bagger - und vernichtete damit ein Stück Geschichte des untergegangenen Kassels.

Geholfen haben die kritischen Stimmen von damals nichts. Im Gegenteil. Lange Zeit sah es so aus, als würden auch die noch verbliebenen Reste des Zeughauses verfallen. Ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurde das historische Gebäude erst durch den 1991 gegründeten Zeughaus-Verein. Initiatoren waren der damalige Leiter der Max-Eyth-Schule, Willi Siebert, und der Abteilungsleiter im Regierungspräsidium, Wilhelm Urstadt. Sie erreichten, dass das Mauerwerk saniert und eine moderne Caféteria in die Ruine gebaut wurde, die bis heute von den Schülern genutzt wird.

Heute kaum vorstellbar: Ein Foto aus dem Jahr 1972 zeigt, wie ein Bagger die 400 Jahre alten Mauern des Zeughauses abreißt. Im Hintergrund sind die Türme der Martinskirche zu sehen. Archivfoto:  Baron/nh

Das Zeughaus aus dem Jahr 1583 war ein riesiger Bau, 97 Meter lang, 22 Meter breit, vier Stockwerke hoch. Es war der größte nichtkirchliche Bau der Stadt und Hauptbestandteil der Festungsanlagen, die zu den modernsten in Europa gehörten. Sie schützten die Stadt oft vor feindlichen Truppen.

Später wurde das Gebäude als Getreide- und Waffenlager genutzt. Im Mittelalter etwa lagerten dort Rüstungen, Lanzen, Schwerter, Schilde, Bögen, Katapulte und Wurfmaschinen. Im 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) sollen im Zeughaus 200 Geschütze und die Ausrüstung für 25.000 Soldaten gelagert worden sein.

1962 übernahm die Stadt das Gelände. In direkter Nachbarschaft wurden die May-Eyth-Schule und die Oskar-von-Miller-Schule gebaut. Für die Erweiterung der Berufsschulen um einen Flügel wurde 1972 ein Großteil der Zeughausruine abgerissen.

Lexikonwissen: Die Zeughausruine im HNA-Regiowiki

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