Ehemalige Kasselerin über die damalige Prachtstraße

Wo der alte Ständeplatz auflebt - 90-Jährige schrieb Buch

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Blick auf den Ständeplatz Anfang des 20. Jahrhunderts: Historische Aufnahme vom Ständeplatz, der mit seinem üppigen Baumbestand zum Flanieren einlud.

Kassel. Heute ist der Ständeplatz nur noch wichtige Verkehrsverbindung und Parkplatz. Sein einstiges Flair ist der Bombennacht am 22. Oktober 1943 zum Opfer gefallen. Nun gibt es ein Buch dazu.

 Die ehemalige Kasselerin Inge Zumbach erzählt in ihrem Buch „Das war mein Haus am Ständeplatz“ wie prachtvoll, lebendig und elegant es früher dort zuging. Die 90-jährige Journalistin, die in München lebt, lässt auf 112 Seiten das damalige Treiben in und rund um ihr Haus Ständeplatz 9 wieder aufleben. Wo einst das Elternhaus der Autorin stand, hat heute die Kasseler Sparkasse ihre Geschäftsstelle.

Lexikonwissen:

Der Ständeplatz im Regiowiki

Die Leser ihres Buches können durch die bildhaften und sinnlichen Beschreibungen der Zeitzeugin nachempfinden, wie die 1925 geborene Frau ihre Kindheit dort verlebte. Ihre Heimat war ein üppiges Gründerzeithaus, das sich im Inneren als „dunkeleichene Wohnburg“ präsentierte. Gekauft hatte es ihr Großvater, ein Fleischkonservenfabrikant. Der Flur der elterlichen Wohnung war in den Augen des kleinen Mädchens ein „düsterer Schlauch“, 27 Meter lang. An ihm reihten sich Wohn-, Schlaf- und Essräume, Kinder- und Herrenzimmer aneinander. Viele Ärzte hatten sich mit ihren Praxen in dem Haus eingemietet. Ein Hauch von Chloroform und Desinfektionsmitteln habe im Treppenhaus gehangen, so Zumbach.

Vor der Tür lag der Ständeplatz, gesäumt von Lindenbäumen. Unter diesen entspannten die alten Kasseler auf weißen Bänken, fuhren Kinder Rollschuh und boten Bauern Lebensmittel an. Zumbach erinnert sich an Schwälmer Bauern, die ihre Klöße dort feilboten. „Määchen, schmecke mo, schmeckt wie Schmoond“, hätten sie ihr zugerufen. Im Buch werden Personen so detailreich beschrieben, als habe die 90-Jährige sie noch gestern gesehen: Etwa Jakob, ein klappriges Männchen, das seine Drehorgel auf einen alten Kinderwagen geschnallt hatte und oft über den Ständeplatz zog. Oder Holmer, der Sohn des Arztes aus dem Erdgeschoss. Der Junge war bei den Kindern gefürchtet, weil er mit seinem Lederball so präzise schießen konnte, dass der Ball die Kniekehle seiner Opfer fast nie verfehlte.

Schon damals pulsierte das Geschäftsleben am Ständeplatz: Es gab in Zumbachs Nachbarschaft nicht nur Schreiner, Schneider und Buchbinder, sondern auch viele Geschäfte. Die Läden an der Wilhelmsstraße hatten schon damals bis 19 Uhr geöffnet. Als Zumbach 1932 die Hitlerjugend samt Marschmusik über den Ständeplatz ziehen sah, wusste sie nicht, was elf Jahre später geschehen würde. Am 22. Oktober 1943 schaute sie von der gegenüberliegenden Seite, wie ihr Elternhaus unterging: „Der heiße Sog hatte schon die Fensterscheiben zerbrochen und die Gardinen nach außen gerissen. Innen stand in düsterer Glut das alte ehrwürdige Buffet und hielt noch immer der Hitze stand, während doch die Flammen schon aus dem Dachstuhl loderten.“ Ihre Eltern wurden in den glühende

Das Buch „Das war mein Haus am Ständeplatz“ ist im Wartberg Verlag erschienen. Herausgeber: Wolfram Boder. Preis: 13,90 Euro. ISBN 978-3-8313-2455-2

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