Angeklagter schweigt weiter

Prozess um Schüsse am Stern: Befangenheitsantrag gegen das Gericht

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Tatort: Im vergangenen November gab es Schüsse am Stern. Ein Mann wurde am Bein verletzt.

Kassel. Eigentlich sollte das Urteil fallen am vierten Prozesstag wegen der Schüsse am Stern. Stattdessen gab es einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin.

Der Tag endete nach endloser Zeugenbefragung mit einem Befangenheitsantrag des Angeklagten gegen Richterin Sabrina Müller-Krohe und die beiden Schöffen. Das Gericht sei „schon derart von seiner Schuld überzeugt“, dass der Angeklagte quasi vorverurteilt werde, begründete der Strafverteidiger des 26-jährigen Libyers den Antrag.

Über diesen muss nun als Befangenheitsrichter Dr. Philipp Kleinherne befinden. Am kommenden Dienstag wird seine Entscheidung bekanntgegeben.

Der junge Mann auf der Anklagebank mit dem gepflegten Äußeren hat sich bislang zu dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft der gefährlichen Körperverletzung nicht geäußert. Und auch mehrere Zeugen konnten ihn bislang nicht zweifelsfrei als denjenigen identifizieren, der an einem Freitagmittag Ende November 2015 mit einer Pistole am Stern auf einen Algerier geschossen hat. Lediglich der am Oberschenkel mit einem Schuss verletzte 26-Jährige selbst hatte den ihm seit längerem durch Drogengeschäfte bekannten Gleichaltrigen als den Schützen identifiziert.

Bereits vor Ende der Beweisaufnahme habe das Gericht dem Angeklagten die Tat zugeschrieben, heißt es unter anderem in dem Antrag des Düsseldorfer Anwalts Reinhard Leis. Aus dem Rheinland kamen auch die Drogen, über deren Verkauf es nach Aussage des Opfers seit längerem „Stress“ zwischen ihm und dem Angeklagten gegeben haben soll.

Von dessen „Gewaltbereitschaft“ müsse ausgegangen werden, begründete das Gericht, weshalb der Untersuchungshäftling während der Befragung eines anderen Zeugen den Saal verlassen musste. Mündlich habe der Zeuge sie darum gebeten, so Richterin Müller-Krohe, weil der um sein persönliches und das Wohl seiner Familie fürchte. Später relativierte das der Zeuge, der nach eigener Aussage bereits zweimal von dem Angeklagten bedroht worden war: „Wegen mir kann der ruhig hier sitzen bleiben, es geht um meine Familie.“

Als Mitbewohner einer WG in Ahnatal-Weimar hatte der Zeuge den Libyer kennen gelernt. Und am Kaffeetisch gehört, wie dieser einer gemeinsamen Bekannten seinerseits von Verfolgungsängsten berichtete. Fünf Typen mit Messern, „Leute aus der Drogenszene“, seien hinter ihm her. Vor Gericht wiederholte der Zeuge ein Zitat des Angeklagten, das drei Monate vor den Schüssen am Stern gefallen sein soll: „Wenn die mich angreifen, dann werde ich jeden einzelnen abknallen.“

Als plötzlich im Gericht ein „Freund der Familie“ des angeklagten Libyers als Prozessbeobachter auftauchte, da war die Angst des Zeugen schlagartig wieder da. Vor diesem fürchte er sich und wolle schnell weg, erklärte der muskulöse junge Mann, der kurz zuvor noch so selbstbewusst aufgetreten war. Der Richterin hinterließ in einer Verhandlungspause seine Handynummer, bevor er schleunigst das Weite suchte.

Fortsetzung: Dienstag, 16. August, 10 Uhr, Saal E 116

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