Opfer berichtet

Auch in Kassel wurden Frauen in der Silvesternacht sexuell belästigt

Kassel. Eine Woche nach den Übergriffen auf Frauen in Köln wird das ganze Ausmaß der Silvesternacht bekannt. In Kassel liegen der Polizei keine entsprechenden Anzeigen vor, allerdings gab es auch hier Vorfälle von sexuellen Belästigungen.

Die sexuellen Übergriffe in Köln sind das dominierende Thema dieser Tage. Auch Stina Bebenroth sah sich damit in der Silvesternacht konfrontiert. Nicht am Kölner Hauptbahnhof, sondern in Kassel.

In der Caricatura-Bar am Kulturbahnhof habe sie am frühen Neujahrsmorgen feiern wollen, berichtet die 29-Jährige gegenüber der HNA. Auf der Tanzfläche seien sie und ihre Freundinnen von einer Traube junger Männer - offenbar Syrer - umringt und sexuell belästigt worden. „Ich habe die Situation nicht als bedrohlich empfunden, aber es hat mich wütend gemacht“, schildert Bebenroth. Wütend, weil ihr klar formuliertes „Nein“ kein Gehör gefunden habe. Sie wolle nicht ihr Ausgehverhalten ändern müssen, sondern auch als Frau ernst genommen werden.

„Es geht mir nicht ums Ankreiden, ich will zeigen, dass wenn es solche Vorfälle in Kassel gibt, dass es sie dann überall gibt.“ Ihre Motivation, ihre persönlichen Erlebnisse öffentlich zu machen, sei, der momentanen Diskussion einen authentischen Bericht hinzuzufügen.

Nicht nur Stina Bebenroth fühlte sich in der Silvesternacht belästigt: „Wir hatten mehrere Rückmeldungen - auch noch in der Nacht selbst - von betroffenen Frauen“, sagt Anton Roeder, Inhaber der Caricatura-Bar. „Das ist uns wichtig, da wir bei rund 400 Gästen nicht alles mitbekommen können.“ Einige männliche Gäste seien noch in der Nacht vor die Tür gesetzt worden.

Roeder zeigt sich erschüttert. Zum einen, weil der Caricatura-Bar die Idee zugrunde liegt, dass grundsätzlich jeder willkommen ist. Zum anderen, weil es ähnliche Vorfälle in der Vergangenheit noch nicht gegeben habe. Er sichere seinen Gästen alle mögliche Unterstützung zu, sollte es zu solchen Vorfällen kommen, sagt Roeder. „Wir können zumindest unser Hausrecht anwenden und Betroffene ermuntern, Anzeige zu erstatten - allein um ein Zeichen zu setzen. Dem Polizeipräsidium Nordhessen liegen indes keine entsprechenden Anzeigen aus der Silvesternacht vor.

Bebenroth berichtet aus der Caricatura-Bar: „Plötzlich sind wir umringt von einer Traube junger Männer“

"Die Stimmung ist feucht-fröhlich als wir uns in die überfüllte Bar reinschieben. Es sind unterschiedlichste Menschen da, Alter, Geschlecht, Hautfarbe, von allem ist etwas dabei. Erst als wir auf der Tanzfläche stehen, sagt J: „Ganz schön viele arabische Männer, oder?“ Vielleicht bemerken wir sie aber auch erst jetzt als wir, drei Frauen, alleine anfangen zu tanzen. Denn plötzlich sind wir umringt von einer Traube junger Männer. Der eine schiebt sich gleich mal ran, (...): „I am from Syria.“ Aha, alles klar. Was soll das denn heißen? Aber dann spüre ich auch schon eine Hand auf meinem Po und muss die erstmal nachdrücklich wegschieben. (...)

Die Traube wird enger, während ich versuche mit wütendem Blick Abstand zu suggerieren. Dann kommt der nächste: „Dance with me, please.“ „No, thanks.“ Ich bin freundlich, warum auch nicht? Die Frage ist nicht schlimm und bitte hat er ja sogar auch noch gesagt. Aber No scheint im Wortschatz noch nicht angesiedelt zu sein. „Dance with me please.“ Dazu kommen schon wieder die Arme in Richtung meiner Hüfte. Ich drücke meine Hände auf seinen Brustkorb und schiebe ihn weg: “No means no.” (...)

Unsere männliche Begleitung kommt zurück und die Traube um uns löst sich. Schön, aus Respekt vor mir lassen sie uns nicht in Ruhe, aber immerhin aus Respekt vor anderen Männern. Ohnehin schwofen sie nur ein bisschen nach links, um nebenan bei anderen Mädels weiterzumachen. Ich merke, dass Wut in mir hochsteigt. (...) J. beobachtet die Szene ebenfalls: „Wahrscheinlich müssen wir jetzt echt die Art ändern wie wir feiern gehen, oder?“ Ist das die Konsequenz? Das will ich einfach nicht akzeptieren. (...) Es ist tatsächlich an allen Ecken dasselbe Bild. Mädels, die sich wehren müssen gegen allzu aufdringliche Tanz- und Streichelangebote. Eine läuft fast durch den halben Raum und versucht unauffällig einen Araber abzuschütteln, der mit verklärtem Blick an ihrer Hüfte klebt. Ich schubse ihn schließlich weg und fange mir von ihr noch einen nicht ganz so dankbaren Blick für meine Belehrungen: „Du musst dem das auch sagen! Scheinbar wissen die ja nicht, dass das nicht ok ist und Frauen, die allein tanzen, das nicht nur tun, um von Männern angetanzt zu werden.“ Denn das ist das Gefühl, das ich mehr und mehr bekomme. Dass sie es nicht wissen und auch nicht verstehen.“ (...)

P. (...) kommt ziemlich aufgelöst zu uns: „Mann, die grabschen die ganze Zeit. Ich hatte schon Hände an meinem Po und meinen Brüsten. Das darf doch nicht wahr sein, wir gehen jetzt.“ Was glauben die eigentlich, wer die sind? Frauen in einer Menge antatschen, die ihnen selbst Schutz und dem weiblichen Geschlecht nur noch mehr Hilfslosigkeit bietet, ist einfach das Letzte. Wir halten es auch nicht mehr viel länger in dem Gedränge aus und gehen. Mit einem Gefühl von Wut, von Unverständnis, von Verzweiflung. Ich will nicht, dass diese Szenarien jetzt alltäglich werden, wenn wir abends unterwegs sind. Aber habe ich überhaupt Möglichkeiten, das zu verhindern?"

Ihre Schilderungen hat Stina Bebenroth in ihrem Internetblog http://einbebendroht.com/ öffentlich gemacht. Ursprünglich handelt es sich bei diesem Blog, der die ironischen Abwandlung ihres Namens trägt, um einen Reiseblog.

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Rubriklistenbild: © HNA

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