„So was noch nicht erlebt“

Augenzeuge berichtet von Frankfurter Fußball-Fans in der Lolita-Bar

Kassel. Als Bob Wacholder am Samstagabend gegen 21.30 Uhr den großen Pulk grölender, dunkel gekleideter junger Männer vom Hauptbahnhof die Werner-Hilpert-Straße herunterkommen sah, schwante ihm nichts Gutes. Über 100 Frankfurter Fußballfans seien es gewesen, und sie wirkten alles andere als friedlich.

Der Gastronom der Szene-Kneipe „Lolita Bar“ konnte gerade noch die Polizei anrufen, dann ging ein Teil der Gruppe - etwa 50 Leute - zielstrebig auf sein Lokal zu, schildert Wacholder am Morgen danach gegenüber der HNA.

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Im Inneren hätten sie ein paar Stühle und Lampen umgeworfen und sich direkt zur Bar begeben. Nachdem die Thekenkräfte den ungebetenen Besuchern Bier ausgehändigt hatten, sei die Gruppe wieder rausgegangen - ohne zu bezahlen. „Da haben wir uns sofort eingeschlossen“, sagt Wacholder. Vor dem Fenster hätten einige Fans noch den Stinkefinger gezeigt, dann sei bereits die Polizei vorgefahren. „Das ging ziemlich schnell.“

Auch im schräg gegenüberliegenden Cuba-Club, wo an dem Abend eine private Party stattfand, schob man den randalierenden Fußball-Fans schleunigst den Riegel vor, schildert ein Gast. Am Tag danach hat sich die Aufregung auf der Club-Meile zwar wieder gelegt. Im Nachhinein sei es nur halb so wild gewesen, wie zunächst befürchtet, sagt Lolita-Bar-Chef Wacholder. „Aber so was haben wir hier auch noch nicht erlebt.“ Er sei froh, dass die Sache glimpflich ausgegangen sei, so Wacholder. Gäste oder Mitarbeiter seien nicht zu Schaden gekommen. Allerdings wurde offenbar ein Mischpult aus dem Club gestohlen.

Ein Augenzeuge berichtete gegenüber der HNA, dass einer der Fans mit einem Plattenspieler oder einem ähnlichen Gerät unter dem Arm zum Bahnhof zurücklief. Der Polizei gelang es allerdings nicht, das Diebesgut bei den Fans zu finden. Türsteher hätten um 21.30 Uhr noch nicht vor der Lolita-Bar gestanden, sagt Wacholder. „Das war wahrscheinlich gut so, denn die sind ein Super-Feindbild für so eine Truppe.“ Hätten die Türsteher den grölenden Fußball-Fans den Eintritt in die Bar verwehrt, hätten diese sich vermutlich provoziert gefühlt. In der Kneipe arbeiteten hingegen zu dem Zeitpunkt nur Studentinnen, denen gegenüber die Fußball-Fans nicht aggressiv geworden seien.

Die Polizei ermittelt nun gegen unbekannt wegen Sachbeschädigung und Diebstahls.

Das sagt das Fanprojekt:

Augenzeugen berichteten, dass die Randale am Samstagabend von Frankfurter Ultras ausgegangen sei. Benjamin Weigand, Sozialpädagoge beim Frankfurter Fanprojekt, weist diese Darstellung zurück. In dem Zug aus Hannover seien ganz unterschiedliche Fans mitgefahren, nicht nur Ultras. Wegen der schwarz-weißen Vereinsfarben seien viele Fans dunkel gekleidet. Anhänger der Ultra-Bewegung sind in der Regel schwarz gekleidet. Wiegand sagt auch, dass man nicht alle Fans, die am Samstagabend in Kassel unterwegs waren, über einen Kamm scheren dürfe. Er geht davon aus, dass nur Einzelpersonen über die Stränge schlugen. Man dürfe deshalb nicht eine ganze Gruppe stigmatisieren. Wenn einige Jugendliche und junge Männer im Alter zwischen 16 und Ende 20 aufgrund der späten Niederlage aus einer Emotionalität heraus eine Grenze überschritten hätten, die zu Sachbeschädigungen geführt haben soll, sei diese Verfehlung nicht gutzuheißen, sagt Weigand. Aber zum Glück sei niemand verletzt worden. Die Eintracht hatte durch ein Eigentor in Hannover verloren. (use)

Von Katja Rudolph

Rubriklistenbild: © Archiv/HNA

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