Eine fast vergessene Oase

Gastronomie der Nachkriegszeit: Café Jung war am Karlsplatz

Café-Idyll der 1950er-Jahre: Zum Café Jung am Friedrichsplatz gehörte auch ein großer Garten, der hinter dem Café lag. Der Außenbereich befand sich neben dem Karlsplatz.

Kassel. Eine Postkarte aus den 1950er-Jahren zeigt ein Café-Idyll in der Kasseler Innenstadt, von dem es heute kein vergleichbares mehr gibt. Darauf zu sehen: Das Café Jung. 

Das befand sich am Friedrichsplatz. Der Garten des Cafés lag am Karlsplatz, in einem Hinterhof. Nur einen Katzensprung vom Rummel des Friedrichsplatzes entfernt, hatte der traditionsreiche Caféhausbetrieb dort eine kleine Oase errichtet.

Die Postkarte hatte uns HNA-Leserin Ulrike Vater zugesandt, die sich selbst auf die Spuren des ehemaligen Cafés begeben hatte. Dort, wo früher die Gäste bei Kaffee und Kuchen unter einer Birke saßen, befinden sich heute Parkplätze. Im Hintergrund ist auf der Postkarte die Rückseite der Gebäudezeile am Friedrichsplatz zu sehen, in der heute unter anderem Leder Meid seinen Sitz hat.

Café einst rechts neben Leder Meid: In dem Haus mit „DKV“-Aufschrift war im Erdgeschoss die Gastronomie untergebracht. 1962 schloss das Café und Quelle eröffnete ein Geschäft, das bis 2009 bestand. Archivbild: Hedler

In den 1950er-Jahren hatte das Café bereits eine 100-jährige Geschichte. Es war 1853 von Friedrich Jung am Friedrichsplatz Nr. 2 eröffnet worden. Jung hatte das Konditorhandwerk am kurfürstlichen Hof erlernt. Später erhielt er die Titel hessischer Hofkonditor und ab 1866 war er preußischer Hofkonditor. Im Foyer des 1909 erbauten alten Staatstheaters verwöhnte er die Gäste mit seinen Spezialitäten. Ende der 1920er-Jahre wurde ein Garten am Café angelegt. Besonderer Anziehungspunkt des Gartens war der sogenannte Liebespavillon. Er bestand schon in der Zeit, als Kurfürst Wilhelm II. (1777-1847) regierte. In dem Pavillon hatte sich der Kurfürst regelmäßig mit seiner Geliebten, der Gräfin Reichenbach, getroffen. Die Gräfin hatte in der Nähe gewohnt. Später wurde der Pavillion dem Garten des Cafés zugeschlagen. In den 1920er- und 1930er-Jahren war das Café beliebter Treffpunkt. „Da saßen die Maler, die Schauspieler, die Presseleute, die Juristen und auch ein bestimmter Kreis von Geschäftsleuten bei ihrem Kaffee oder Kirsch in angeregter Diskussion, und viele hochfliegende Pläne sind damals an den kleinen Marmortischen des Cafes geschmiedet worden“, erinnerte sich einst ein Zeitzeuge in unserer Zeitung.

Nachdem die Nachkommen von Friedrich Jung das Café bis in die Kriegsjahre geführt hatten, wurde es in der Bombennacht vom 22. Oktobers 1943 zerstört. 1952 wurde es in einem Neubau wiedereröffnet, blieb aber in Familienhand. 1962 war dann aber Schluss – der Betrieb hatte sich nicht mehr rentiert. Das Café schloss seine Türen und in dem Haus eröffnete noch im selben Jahr das Versandhaus Quelle ein Geschäft. Nachdem der Quelle-Konzern 2009 insolvent war, folgte ein Supermarkt, der inzwischen ebenfalls wieder geschlossen hat.

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