Ende der Durststrecke

Café Paulus wurde vor 50 Jahren auf Friedrichsplatz gebaut - heute Café Alex

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Kassel. Als das frühere Café Paulus am 8. Februar 1966 in einem Neubau auf dem Friedrichsplatz eröffnete, war es sehnlichst erwartet worden.

Denn nach der Bombennacht 1943 war von der einst vielfältigen Caféhauskultur in der Innenstadt nichts mehr übrig geblieben. Und so schrieb unsere Zeitung vor 50 Jahren vom „Ende einer Durststrecke“ auf der Fußgängerzone. 2001 verschwand der traditionsreiche Name „Paulus“ aus dem Straßenbild, seitdem befindet sich in dem Flachbau die Gastronomiekette Alex.

Die Geschichte des Café Paulus reicht weiter als 50 Jahre zurück. Schon 1872 eröffnete Konditor Johann David Paulus am Ständeplatz das erste „Café Paulus“ als kaiserlich-königliche Hofkonditorei. Dessen Urenkelin Barbara Herrmann-Kirchberg (66), die ein Jahrhundert später die Geschicke des traditionsreichen Familienunternehmens führte, blickt zurück: Nachdem das Café am Ständeplatz im Krieg zerstört wurde, hätten ihre Eltern Rudolf und Gisela Herrmann 1956 an der Treppenstraße einen Neuanfang gewagt.

„Mein Vater führte das erste Café mit Terrasse, die er auf der Treppenstraße aufbaute. Weil die Kasseler Außenbestuhlung in der Innenstadt nicht kannten, blieben die Tische leer. Also wurden zwei Lehrmädchen mit einer Cola auf die Terrasse gesetzt, damit die Kasseler das verstanden“, erinnert sich Herrmann-Kirchberg. Die Geschäfte liefen gut. 1966 wollte die Stadt ein neues Café für den Friedrichsplatz. „Meine Eltern hatten sich beworben und bekamen den Zuschlag“, erzählt Herrmann-Kirchberg.

Glück im Westen: Auf unseren Foto aus April 1990 wird eine Kasselerin im Café Paulus von einer Bedienung aus der damaligen DDR bedient. Die Frau machte in Kassel ein Praktikum.

Das zweite Café Paulus wurde im Beisein des damaligen Oberbürgermeisters Karl Branner und vieler weiterer Honorationen der Stadt eröffnet. Wegen der modernen Architektur des Glasbaus gab es Kritik aus der Bevölkerung. „Viele fragten, wo ist denn die Heizung? Die war eben nicht sichtbar“, erinnert sich Herrmann-Kirchberg. An die seinerzeit auffällige Bauweise sollten sich die Kasseler gewöhnen. Und so kamen sie in Scharen und verdrückten auf rot gepolsterten Stühlen und hinter lindgrünen Vorhängen am allerliebsten Baumkuchen, der im Café Paulus ein Verkaufsschlager war. „Wir verschickten unseren Baumkuchen sogar in die USA.“ Auch documenta-Künstler Joseph Beuys verkehrte im Café.

Als 1984 der Pachtvertrag für die Treppenstraße auslief, konzentrierte sich die Familie auf das Café am Friedrichsplatz, das seit 1978 von Barbara Hermann-Kirchberg geführt wurde. Bis 1994 blieb der Betrieb in Familienhand. Dann wurden die Geschäfte zunächst an eine Firma aus Essen übertragen. Auch weil Herrmann-Kirchberg mehr Zeit für ihre Familie haben wollte, wie sie sagt. 2001 hat die Alex-Gruppe das Café übernommen. Baumkuchen gibt es dort heute nicht mehr.

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