Geschichte der Bar an der Freiheit 17

„La Cage“: Aus Rotlichtkneipe wurde Schlagerbar

Seit fünf Jahren betreiben sie die Bar: Ralf Euling und Matthias Gerk (rechts) im „La Cage“ an der Freiheit 17. Die Einrichtung hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel, das macht aber den Charme des Raucherlokals aus. Foto: Ludwig

Kassel. Milchladen, Bierstube, Puff, Schwulenbar: Die Geschichte des Hauses „Die Freiheit 17“ in der Nähe des Altmarkts ist bewegt.

Seit genau 50 Jahren gehört die Gastronomie Elfriede Spekowsky (87). Die Seniorin aus Bad Wildungen führt die Geschäfte aber nicht selbst, sondern hat Pächter. Seit fünf Jahren ist mit Matthias Gerk (47) und Ralf Euling (52) ein homosexuelles Paar am Ruder. Seitdem firmiert die Kneipe, die früher „Klein-Berlin“ und „Zille-Stübchen“ hieß, als „La Cage“ (deutsch: der Käfig).

Als Spekowsky am 28. Februar 1965 das „Klein-Berlin“ eröffnete, war es bis dato ein gutbürgerliches Gasthaus gewesen. Von dem einst dreistöckigen Haus war nach dem Krieg nur das Erdgeschoss übrig geblieben, das später aufgestockt wurde. „Vor dem Krieg gab es hier auch mal einen Milchladen“, erzählt Matthias Gerk.

Das „Klein-Berlin“ und später auch das „Zille-Stübchen“, die von wechselnden Pächtern geführt wurden, waren zeitweise Rotlicht-Etablissements. Ehemalige Zuhälter und Puffmütter tauchten dort heute nur noch als betagte Gäste auf, erzählen die aktuellen Pächter. Die Stammgäste liebten den Retrocharme der Bar, in der in früheren Jahren Rotlichtgrößen wie die Rote Erika und Cat Malu residierten.

Einst rote Sitzecken

„Moderner darf die Einrichtung hier nicht werden“, sagt Matthias Gerk, der die Kneipe noch aus seiner eigenen Jugend kennt. Damals habe es rote Sitzecken in der Bar gegeben. Und auf der Bank, die bis heute in der Kneipe steht, seien sich schon viele Paare nähergekommen.

Freiheiter Durchbruch 1939: Das Haus Freiheit 17 liegt auf der rechten Seite, links vom großen Fachwerkbau. Vorn der Altmarkt.

An den Wänden und über der Tür sieht man noch Motive des Berliner Malers Heinrich Zille (1858-1929), Namensgeber für das damalige „Zille-Stübchen“. Als Gerk und Euling die Kneipe übernommen hatten, wollten sie dort zunächst eine reine Schwulenbar eröffnen. „Die Eigentümerin hatte damit kein Problem. Sie sagte: Jungs, ihr dürft hier alles machen, nur euch nicht vor meinen Augen küssen“, erzählt Euling. Aus dem Plan mit der reinen Schwulenbar wurde nichts: „Ab dem ersten Tag kam auch heterosexuelles Publikum“, erzählt Gerk. Viele Homosexuelle blieben deshalb nun fern. Das Publikum sei zwischen 18 und 92 Jahren. Jüngere Gäste haben keinen Zutritt zu dem nur 25 Quadratmeter großen Raucherlokal. Bei so wenig Platz bleibt Kennenlernen nicht aus: „Die Gäste sind wie Familie. Jeder verabschiedet sich hier mit Küsschen rechts, links“, sagt Ralf Euling.

Musikalisch erwartet die Gäste vor allem deutscher Schlager: Von „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ über „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ bis zu „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer. Zu Karneval und Halloween gibt es Partyabende. Einmal im Jahr organisieren die Pächter mit der Personenschifffahrt Söllner den Schlagerdampfer. Die nächste Fulda-Tour startet im September.

Jubiläum: Am 29. Februar wird das 50-jährige Bestehen unter Elfriede Spekowsky gefeiert. Los geht es um 15 Uhr. 

Reguläre Öffnungszeiten: Mo-Sa ab 18 Uhr. 

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