Schließung erhitzt noch immer die Gemüter

Doktor der jungen Kultur: Radiologe will Techno-Club Unten retten

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Suchen einen neuen Standort für den Club Unten, der im Kulturbahnhof zumachen musste: Jürgen Truß (links) und Betreiber Andreas Störmer.

Kassel. Die Schließung des Clubs Unten im Kasseler Kulturbahnhof erhitzt noch immer die Gemüter. Beim Kampf ums Überleben werden die Betreiber von einem Radiologen unterstützt.

Es ist lange her, dass Jürgen Truß ein Nachtschwärmer war. Mit 53 Jahren bleibt man nicht mehr bis in den Morgen auf. Und doch hat der Radiologe großen Anteil daran, dass die Kasseler Club-Szene zuletzt so vielfältig war. Er ist einer der Unterstützer des Konzert- und Technoladens Unten im Kulturbahnhof, dessen Zwangsschließung diesen Sommer die Gemüter erhitzte und noch immer für Gesprächsstoff sorgt. Und er hat das Oben-Festival mitorganisiert, das Ende Mai 2500 Besucher auf die Baunataler Knallhütte lockte.

Das wurde von jungen Grafikdesigern und Kulturveranstaltern auf die Beine gestellt, aber eben auch von Truß, der doppelt so alt ist wie die meisten Besucher und einen Doktortitel hat. Vierzehn Jahre war der Familienvater im Klinikum beschäftigt, acht davon als Oberarzt, später war er Chefarzt am Burgfeld- und Diakonissenkrankenhaus. Seit 2013 arbeitet der Mediziner aus Harleshausen nur noch Teilzeit beim Netzwerk Radiologie Nordhessen in Fritzlar und Witzenhausen. Seitdem engagiert er sich noch stärker in der Kultur.

Auch dort kann ein Doktortitel hilfreich sein. Wenn er im Rathaus wegen einer Baugenehmigung vorspricht, „wissen die dort sofort, dass wir nicht nur spinnerte junge Leute sind“, sagt Truß. Spinnert sind Andreas Störmer und Mathias Jakob, die Betreiber des Unten, nicht. Aber am Anfang war ihr Club eben nicht angemeldet.

Truß, der Störmer vor Jahren als Erzieher seiner Tochter im Kindergarten kennengelernt hatte, half auf dem Weg raus aus der Illegalität. Er sagte: „Lasst uns einen Verein gründen.“ Im documenta-Sommer 2012 stand er in der ebenfalls von Störmer und Jakob betriebenen Batterie hinter der Theke. Dort erlebte er den ersten großen Auftritt des späteren Pop-Wunders Milky Chance.

All das empfindet Truß „als Gegengewicht zur Arbeit, wo ich mit Krebs, Leid und Tod konfrontiert bin. Hier kann ich mit jungen Leuten etwas aufbauen“. Es ist eine böse Pointe, dass die Kreativen immer wieder bei Null anfangen müssen. Das ehemalige Zollamt mit dem Club Batterie wurde abgerissen, um das neue Fraunhofer-Institut zu bauen. Diesen Sommer kündigte die Bahn dem Unten wegen angeblicher Sicherheitsbedenken.

Daran konnten auch Tausende Unterzeichner einer Internet-Petition nichts ändern. Kritiker monierten, die documenta-Stadt setze sich nicht genügend für junge Kultur ein. Truß sieht das anders: „Es gibt im Rathaus den Willen, etwas zu bewegen und alte Fehler zu korrigieren.“ Einen alternativen Standort für das Unten gibt es allerdings auch drei Monate nach der Schließung nicht.

„Ich bin zuversichtlich, dass wir etwas hinbekommen“, sagt Truß, der gern daran zurückdenkt, wie am Gleis vor dem Unten die Sonne unterging. „Ich war froh, wenn ich bis halb zwei durchgehalten habe. Wenn die Party richtig los ging, war ich nicht mehr dabei.“ Dass er kein Nachtschwärmer mehr ist, freut seine Tochter. Welche 18-Jährige geht schon gern in den selben Club wie ihr Vater?

Zur Person:

Alter: 53

Heimatstadt: Frankenberg

Beruf: Radiologe (früher am Kasseler Klinikum, am Burgfeld- sowie Diakonissenkrankenhaus, heute im Netzwerk Radiologie Nordhessen)

Privates: Lebt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in Harleshausen

Sonstiges: Arbeitet ehrenamtlich für den Senior Experten Service der Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit. So half Truß, radiologische Abteilungen in Krankenhäusern in China und Turkmenistan aufzubauen.

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