Täter kamen durch die Wand

Einbrecher erbeuteten 360 Trauringe in Kassel - allerdings nur Dummys

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Die Einbrecher hatten aus einem leerstehenden Ladenlokal nebenan ein Loch in die Wand geschlagen, wie hier Mitarbeiterin Jessica Wendel zeigt.

Kassel. „Wir dekorieren“ steht auf den Schildern im geplünderten Schaufenster. Die Ständer für die Ringkästchen sind verwaist. Nur die rosa Dekoblüten und Porzellanvögelchen haben die Einbrecher stehen lassen.

180 Ringpaare haben sie in der Nacht zu Montag aus dem Trauring-Garten an der Treppenstraße mitgehen lassen. Viel Freude werden sie an ihrer Beute allerdings nicht haben: Bei den Ringen handelte es sich um Nachbildungen aus Silber, Messing und Kupfer.

„Die haben unsere Nachtdekoration ausgeräumt“, erklärt Geschäftsführerin Sonja Roloff. „Das waren alles Dummys.“ Echte Ringe aus der Auslage werden nachts im Tresor verschlossen. „Ganz doof sind wir ja auch nicht“, sagt die 30-Jährige trocken. Allein aus Versicherungsgründen dürfe man die hochwertigen Ringe nicht über Nacht im Schaufenster aufbewahren, es sei denn, man bringe ein Rollgitter davor an, sagt die Geschäftsführerin. Da jeder Ring ein Unikat ist und je nach Fingergröße und den individuellen Wünschen des Brautpaars hergestellt wird, handele es sich bei vielen der Modelle zum Ausprobieren ebenfalls um vergoldete Dummys, erklärt die Juwelierin. Pro Exemplar seien diese lediglich 30 Euro wert. „Da werden sich die Diebe schön ärgern.“

Die hatten offensichtlich hochkarätige Beute gewittert und dafür großen Aufwand betrieben. Sie waren in der Nacht zu Montag zunächst in das benachbarte Ladenlokal eingedrungen, das seit einigen Woche leer steht (ehemals Grimm-Heimat-Lädchen). Von dort schlugen sie ein Loch von etwa einem halben Meter Durchmesser in die Wand und müssen dadurch in das Juweliergeschäft gekrochen sein. Gegen 1 Uhr hatte dort die Alarmanlage angeschlagen.

Als die vom Sicherheitsdienst informierte Geschäftsführerin zum Tatort eilte, war sie zunächst erleichtert: Die Schaufensterscheibe war intakt. Schon dreimal sei in der Vergangenheit versucht worden, die Scheibe aus Sicherheitsglas einzuwerfen – allerdings immer ohne Erfolg. „Dass die auch Wand durchbrechen könnten, darauf wäre ich allerdings nicht gekommen“, sagt Sonja Roloff.

Ein bisschen Ahnung von Schmuck hatte die Täter offenbar schon: Die günstigen Ringe aus Edelstahl und Titan ließen sie im Schaufenster stehen. Dass die vermeintlich hochwertigen Gold- und Platinringe aber verdächtig leicht und unecht waren, fiel ihnen offenbar nicht auf. Abnehmer dürften die Täter jedenfalls nicht für ihre Beute finden. „Jeder Goldankäufer merkt das auf den ersten Blick“, ist sich die Juwelierin sicher. Und auch anderweitig könne man die Ringe wohl nicht an gutgläubige Brautpaare verkaufen – dazu müsste die Ringweite angepasst werden.

Brautpaare, die im Trauring-Garten Ringe ausgesucht haben, müssen sich übrigens keine Sorgen machen: Alle Bestellungen waren sicher im Tresor. Am Dienstag wird auch das Schaufenster wieder neu gefüllt sein. Noch am Montagnachmittag wurde das Loch in der Wand wieder verschlossen – mit Sicherheitsverstärkung.

Aktualisiert um 19.35 Uhr.

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