Volkstrauertag in Kassel: Gedenken auch an Terroropfer

Kassel. Unter dem Eindruck der brutalen Terroranschläge in Paris gedachten am Volkstrauertag knapp 150 Menschen im Bürgersaal des Rathauses der Toten der beiden Weltkriege.

Zuvor hatte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Gedenkstunden am jüdischen Friedhof in Bettenhausen sowie für die Opfer der Faschisten im Fürstengarten abgehalten. Am Nachmittag gab es eine ökumenische Andacht auf dem Hauptfriedhof.

Zur Eröffnung der vom Kasseler Konzertchor musikalisch umrahmten, zentralen Veranstaltung im Bürgersaal sagte Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD): „Unsere Gedanken sind bei den Opfern des Terroranschlags in Paris und deren Hinterbliebenen und Freunden. Wir leiden mit ihnen.“ Gleichzeitig appellierte er an alle, die aktuelle Flüchtlingsproblematik nicht mit den brutalen Anschlägen zu verquicken. „Die Flüchtlinge trifft keine Schuld.“ Schüler der Offenen Schule Waldau und der Georg-August-Zinn-Schule präsentierten anschließend ausgewählte Kurzbiografien von Kriegsopfern, die auf dem Hauptfriedhof bestattet wurden. Sie sind Ergebnis eines Forschungsprojektes des Volksbund-Landesverbandes Hessen.

Die Gedenkrede hielt Geschichtsprofessor Winfried Speitkamp von der Uni Kassel. Sein Thema: Erinnerungskultur - 70 Jahre nach Kriegsende. Obwohl bei der Leipziger Volksschlacht 1813 mehr als 90 000 Soldaten fielen oder verwundet wurden, spiele das viertägige Gemetzel in unserer Erinnerung kaum noch eine Rolle. Daher sei es eine Frage der Zeit, dass auch der Zweite Weltkrieg mit seinen unvorstellbaren Gräueltaten in Vergessenheit gerate, wenn die Erinnerung nicht wachgehalten werde. „Das darf nicht passieren, allein schon, damit sich das nicht wiederholt.“

Schüler der Offenen Schule Waldau und der Georg-August-Zinn-Schule lasen Kurzbiografien von Kriegsopfern vor.

Als weiteres Beispiel dafür, dass selbst große Kriege mit wachsendem zeitlichen Abstand aus der Erinnerung verschwänden, nannte er den Ersten Weltkrieg mit 17 Millionen Opfern. Er spiele in unserem Bewusstsein nur noch eine untergeordnete Rolle. Nach seiner Einschätzung liegt das daran, dass er als Vorspiel des mit 70 Millionen Opfern wesentlich brutaleren Zweiten Weltkrieges betrachtet werde. Und er hat herausgefunden, dass die Erinnerungskultur zum selben Ereignis von Land zu Land unterschiedlich ist. Während in Deutschland vor allem die Bombardierung der Städte und die Vertreibung haften geblieben sei, verbänden Polen vor allem den Warschauer Aufstand 1944 und dessen brutale Niederschlagung sowie die Zerstörung der Stadt mit dem Krieg. In Frankreich dagegen erinnerten sich die Menschen vor allem an die Landung der Alliierten im selben Jahr. Weiteres Beispiel für unterschiedliche Wahrnehmung: die Unterzeichnung des Waffenstillstands. Im Vergleich zu den europäischen Nachbarstaaten spiele sie hierzulande kaum eine Rolle.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.