37 Jahre lang in Betrieb

Kassels einziger U-Bahnhof: Vor 50 Jahren begannen die Bauarbeiten

Kassel. Tief unter dem Vorplatz des Kasseler Hauptbahnhofs hielt 37 Jahre lang die Straßenbahn. Vor 50 Jahren, am 5. August 1966, begannen die Bauarbeiten für Kassels erste und einzige unterirdische Haltestelle.

Die letzte Straßenbahn fuhr am 28. März 2005 durch den knapp 170 Meter langen Tunnel. Hatte es 1968 noch eine feierliche Einweihung mit Tausenden von Zuschauern gegeben, so passierte die letzte Bahn still und unbemerkt den Tunnel unterm Hauptbahnhof. Direkt im Anschluss begannen die Umbauarbeiten der Gleise für die Regiotram.

Der Umbau des Vorplatzes in den 1960er-Jahren war das erste große Tiefbauprojekt für die Stadt Kassel. Er war der wichtigste Verkehrsknotenpunkt der Stadt: Zu Spitzenzeiten rollten stündlich 3000 Fahrzeuge über den Bahnhofsvorplatz, 7000 Fußgänger wollten täglich zum Bahnhof und 8000 Fahrgäste wollten vom Vorplatz aus die Tram benutzen. Für mehr Verkehrssicherheit wurde dann der Verkehr „entflochten“ - wie der damalige Stadtrat Dr. Herbert Michaelis es nannte. Die einzelnen Verkehrsteilnehmer sollten so voneinander getrennt werden. Nicht länger sollte die Straßenbahn durch die Werner-Hilpert-Straße fahren, sondern künftig darunter. Aber es wurde gleich dreistöckig gebaut. Der Plan: Oben rollen die Autos und Lastwagen, ein Stockwerk unter der Erde laufen die Fußgänger, noch eine Etage tiefer fahren die Straßenbahnen.

18 Monate später, am 1. Februar 1968, hielt die erste Straßenbahn in der unterirdischen Station vor dem Hauptbahnhof. Mit einer KVG-Dienstmütze auf dem Kopf gab der damalige Oberbürgermeister Dr. Karl Branner das Abfahrtssignal am Lutherplatz, und um 11.44 Uhr rollte die erste Straßenbahn mit 150 Prominenten - darunter auch der damalige hessische Verkehrsminister Rudi Arndt - durch den unterirdischen Tunnel. Vor den Augen Tausender Zuschauer durchfuhr sie symbolisch eine weiße Papierwand.

Oberbürgermeister Branner sagte anlässlich des Starts der Bauarbeiten, dass damit für die Stadt das 21. Jahrhundert begonnen hätte. Doch die Modernität hatte ihren Preis: Jedes Jahr kostete der Vertrag mit der Wartungsfirma die Stadt knapp 60.000 Euro sowie 25.000 Euro an jährlichen Reparaturkosten. Nach knapp 30 Jahren zog die Stadt 1997 mit der Stilllegung der Rolltreppe in der Unterführung die Notbremse. Außerdem kam die Unterführung - wie andere in Kassel - in Verruf. Von Taschendiebstählen, Überfällen und Drogenhandel wurde berichtet.

2005 hatte die Haltestelle Hauptbahnhof ausgedient, die Regiotram kam. Die Rolltreppe auf dem Vorplatz wurde durch eine rot-weiße Schranke abgesperrt, die stillstehenden Treppen vermüllten. Drei Jahre später wurde der Vorplatz von der Stadt Kassel für 2,5 Millionen Euro umgestaltet und der Zugang verschwand.

Vor 50 Jahren: Baubeginn der U-Bahn in Kassel

Bau in Zahlen

Der Hauptbahnhof Kassel war bis zum Ausbau des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe im Jahr 1990 der wichtigere Bahnhof der Stadt. Ab 1966 entstand unter dem Vorplatz des Hauptbahnhofs eine unterirdische Tram-Haltestelle.

3 Ebenen sollten den Verkehrsknotenpunkt entlasten: oben der Kraftfahrverkehr auf der Straße, ein Stockwerk darunter hatten die Fußgänger ihr Reich und darunter fuhr die Straßenbahn. Die einzelnen Ebenen waren über Rolltreppen verbunden.

9 Meter unter dem Vorplatz des Hauptbahnhofs fuhr die Straßenbahn.

110 Ladungen Sprengstoff - so viel Dynamit wurde auf der Baustelle eingesetzt. Damals wurden mit dem Dynamit der Bahnhofsvorplatz und die Wände des ausgedienten Bunkers gesprengt. Sulamith Kulla aus Kassel, damals die einzige Sprengmeisterin der Bundesrepublik, übernahm die Sprengung.

115 Meter lang ist die Rampe in der Kurfürstenstraße, auf der noch heute die Regiotrams fahren. Sie wurde ab Mai 2005 teilweise umgebaut und modernisiert. Im Dezember 2006 fuhr dann die erste Regiotram die Rampe zum Scheidemannplatz hoch.

167 Meter Tunnelstrecke verliefen unter dem Hauptbahnhof.

200 Kubikmeter Beton stürzten bei Betonierungsarbeiten kurz nach Beginn des Projekts im September 1966 durch die Tunneldecke. Ursache war wahrscheinlich ein Rechenfehler bei der Statik. Kein Bauarbeiter wurde bei dem Einsturz verletzt. Die Decke musste komplett neu gebaut werden.

7.000.000 Mark (3,6 Mio. Euro) kostete die Stadt Kassel der neue unterirdische Bahnhof.

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