Seit 25 Jahren hilft der Verein "Soziale Hilfe" 

Hoffnung für wohnungslose Frauen in Kassel 

+
Fassen wieder Fuß: Zwei Bewohnerinnen des Projekts „Wohnen für Frauen“ des Vereins Soziale Hilfe beim gemeinsamen Kochen. 

Kassel. Seit 25 Jahren bietet der Kasseler Verein "Soziale Hilfe" das Projekt "4 Wände - Wohnen für Frauen" an. In einem Haus im Kasseler Osten wohnen sechs Frauen in möblierten Zimmern, wo sie von Sozialarbeiterinnen betreut werden.

Kostenträger ist der  Landewsohlfahrtsverband. 

Eine Gruppe Frauen trifft sich in den Räumen des Vereins Soziale Hilfe bei Tee und Keksen. Es herrscht eine freundliche, entspannte Stimmung. Anja Schreiter, die Sozialpädagogin in der Runde und seit acht Jahren für das Wohnungslosen-Projekt „4 Wände – Wohnen für Frauen“ verantwortlich, bringt die Situation auf den Boden der Realität: „Nicht eine der ehemals wohnungslosen Frauen ist ohne Trauma. 95 Prozent haben sexuelle Gewalt erfahren.“ Die Frauen am Tisch nicken wortlos. Das Leben auf der Straße ist brutal, für Frauen ohne Wohnung ist es noch mal gefährlicher. Eine 36-Jährige aus der Runde erzählt ihre Geschichte: Während sie sich in stationärer psychiatrischen Behandlung befand, wurde ihr die Wohnung gekündigt: „Ich rechnete damit, nach der Entlassung auf der Straße zu landen.“ Aufgrund eines gut funktionierenden Hilfsnetzwerks sei sie nach Kassel in die Frauen-Wohnung vermittelt worden.

Anja Schreiter

Ihre 54-jährige Mitbewohnerin hat den Horror, obdachlos zu sein, erlebt. Nach Gewalterfahrungen und dem Verlust der Arbeitsstelle war sie aus vermeintlich sicheren Verhältnissen ins Bodenlose gefallen und eines Tages in einer Notunterkunft gelandet. „Ich war am Ende“, sagt sie. Schreiter: „Ein Schicksal, das jede ereilen kann.“ Seit 2002 stellt die Fachfrau fest, dass das Durchschnittsalter der Wohnungslosen unter 25 liegt. Von sechs Frauen, die zurzeit im Haus in zwei Wohnungen untergebracht sind, sind zwei jünger als 21. Schreiter und eine Kollegin sind an drei Tagen vor Ort.

„Wenn die Frauen bei uns ankommen, dürfen sie erst mal zur Ruhe kommen und dann Luftschlösser bauen“, sagt Schreiter und fügt lachend hinzu: „Für die Realität bin ich dann zuständig.“

Die Navigation, die sie im Projekt erfahre, sei wichtig, sagt die 36-jährige Bewohnerin. Die 54-Jährige fügt hinzu: „Man war so weit unten, da ist es wichtig, sich wieder an Strukturen zu gewöhnen.“ Die Gruppen, die angeboten werden, Kochen, Politik, Freizeit, werden gut besucht, sogar von Ehemaligen. Deutlich zu spüren ist die Hoffnung der Betroffenen in die Zukunft sowie deren wachsende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ihre Dankbarkeit sprechen beide klar aus: „Die 4 Wände waren unsere Rettung. Jetzt gibt es wieder Perspektiven.“ Die 54-Jährige wagt jetzt die Suche nach einer Wohnung und nach einem Job. Und die 36-Jährige besinnt sich in der Ruhe ihrer vier Wände darauf, dass sie einmal eine gute Schülerin war und bereitet sich aufs Abi vor. 

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.