Interview mit Schulpädagogen

Kasseler Professor über gute Schulen: "Schulhof sagt viel aus"

+
Gute Laune in der Schule: Unser Bild vom vergangenen Sommer zeigt Schüler der Offenen Schule Waldau.

Kassel. Was sind gute Schulen? Professor Klaus Moegling von der Uni Kassel hat ein vierbändiges Werk zur Qualität von Schulen mit herausgegeben.

Wir haben mit dem langjährigen Lehrer und Ausbilder über die Frage, die Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen beschäftigt, gesprochen.

Ist die Frage nach guten Schulen nicht eigentlich die Frage nach guten Lehrern?

Prof. Dr. Klaus Moegling: Eine gute Schule kann es natürlich nicht ohne gute Lehrer geben. Aber die Frage ist: Warum gibt es an einer Schule viele und der anderen weniger gute Lehrer? Das liegt daran, dass über den Einzelnen hinaus etwas vorhanden ist.

Woran machen Sie eine gute Schule fest?

Moegling: Die Sicht auf gute Schulen ist sehr relativ und hängt vom Zeitgeist ab. In der Wilhelminischen Zeit etwa hatten Gehorsam und Disziplin einen hohen Stellenwert, im Dritten Reich Führergehorsam und Wehrhaftigkeit. In der heutigen demokratischen Gesellschaft geht es um die Erziehung zu Mündigkeit und Urteilsfähigkeit in der Schule.

Was konkret sollte eine gute Schule leisten?

Moegling: Zum einen natürlich Qualifikationen zu vermitteln. Das geht über Wissen hinaus. Es bezieht sich auch auf kognitive, soziale und persönliche Kompetenzen, um Lebensprobleme bewältigen zu können. Zweitens müssen die Schüler sich an der Schule wohlfühlen. Im Rückblick sollen sie sagen: Es war eine gute Zeit. Und drittens muss Schule bildungsgerecht sein. Das heißt, sie soll Zugang zu Bildung für Kinder aus verschiedenen Bildungsmilieus schaffen. Schule darf nicht nur bestehende Eliten reproduzieren.

Es gibt viele verschiedene Schulprofile und ganz unterschiedliche Schüler mit ihren Bedürfnissen. Gibt es überhaupt „die“ gute Schule?

Moegling: Die gibt es vor allem für das eigene Kind. Man sollte schauen, welche Fähigkeiten und Interessen ein Kind hat: Je nachdem ob die im mathematisch-naturwissenschaftlichen, sportlichen oder musischen Bereich liegen, kann man sich nach einer Schule mit entsprechendem Schwerpunkt umsehen. Aber auch Kriterien wie die Wohnortnähe sind wichtig. Das sollte man nicht unterschätzen. Das Zusammensein mit Freunden aus der Grundschule ist für Kinder oft sehr wichtig.

Woran kann man eine gute Schule erkennen?

Moegling: Man sollte sich im Internet Schulprofil und -programm ansehen und gezielt nach dem letzten Schulinspektionsbericht suchen. Darin ist festgehalten, was die Schulen leisten und was nicht. Eltern können auch bei der Schulleitung beantragen, dass sie im Unterricht hospitieren dürfen. Schon beim Gang über den Schulhof bekommt man viel von der Atmosphäre an einer Schule mit: Wie wird die Aufsicht geführt? Wie ist der Ton zwischen den Schülern und Lehrern? Auch ältere Schüler kann man nach ihren Erfahrungen befragen.

Es gibt Eltern, für die ein hoher Ausländeranteil ein Ausschlusskriterium bei der Schulwahl ist.

Moegling: Wie gut die Integration von ausländischen Schülern klappt, hat viel mit der Qualität der Schule zu tun. Die Offene Schule Waldau etwa hat einen hohen Migrationsanteil, ist aber trotzdem eine begehrte und sehr gute Schule. Das liegt daran, dass die Lehrer ihre Schüler genau kennen. Sie betreuen die Jahrgänge in Kollegenteams über längere Zeiträume. Die Quantität ist ein ganz wichtiger Aspekt für die Qualität: Ein Lehrer, der nur 80 Kinder hat, kann ganz anders arbeiten als einer, der 300 Kinder in zehn Klassen unterrichtet.

Welche Rolle spielt die Ausstattung von Schulen?

Moegling: Qualität gibt es nicht zum Nulltarif. Gerade in Brennpunktschulen sind multiprofessionelle Teams aus Lehrern und Sozialarbeitern nötig. Mit der jetzigen Arbeitsbelastung der Lehrer ist eine wirklich gute Schule nicht machbar. Wenn man 26 Unterrichtsstunden geben und vorbereiten muss, bleibt wenig Kapazität für die Kooperation in Kollegenteams.

Die meisten Schulen haben inzwischen Ganztagsbetrieb. Ist das förderlich für die Qualität?

Moegling: Ein Ganztagsangebot muss mehr als Aufbewahrung bis in den Nachmittag sein. Gute Schulen haben eine durchdachte Rhythmisierung von Pflicht- und Wahlveranstaltungen und sinnvoll verbrachter Freizeit. An diesem Wechsel von An- und Entspannung hapert es oft noch. Meist findet der Fachunterricht geballt vormittags statt und der Nachmittag wird dann mit Wahlangeboten gefüllt.

Zur Person

Prof. Dr. Klaus Moegling (64) arbeitet seit 1978 als Lehrbeauftragter an der Uni Kassel, seit 2010 hat er eine außerplanmäßige Professur im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. Er hat Politikwissenschaften und Sportwissenschaften für das Lehramt an Gymnasien studiert und sich in beiden Fächern habilitiert. Bis zu seiner Pensionierung in diesem Jahr war er im Schuldienst, unter anderem an der Albert-Schweitzer- und der Jacob-Grimm-Schule Kassel. Seit 2004 war er parallel am Studienseminar Kassel für die Ausbildung von Referendaren zuständig. Er lebt mit seiner Frau in Immenhausen und hat drei erwachsene Kinder.

Hintergrund: Ein  Grundlagenwerk in vier Bänden

120 Autoren aus Hochschulen, Schulen und Studienseminaren - darunter viele aus Nordhessen - haben an dem vierbändigen Grundlagenwerk zur Frage „Was sind gute Schulen?“ mitgearbeitet. Die Themen der Bände: 1. Konzeptionelle Überlegungen und Diskussion; 2. Schulprofile und Unterrichtspraxis; 3. Forschungsergebnisse; 4. Theorie, Praxis und Forschung zur Qualität von Ganztagsschulen. Die Bände kosten zwischen 24 und 30 Euro und sind im Prolog Verlag (Immenhausen) erschienen.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.