Kasseler bringen ihre Andenken ins Stadtmuseum

Der Mantel aus der Bombennacht: Ein Kleidungsstück und seine Geschichte

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Damals und heute: Renate Schaub als Kind mit ihrer Mutter. Die Aufnahme entstand vor der Bombennacht. Sie trägt aber den Mantel. Und Renate Schaub aus Kassel brachte ihren Mantel vorbei, den sie als Dreijährige in der Bombennacht trug.

Kassel. Die Telefone stehen nicht mehr still im Stadtmuseum. Nachdem die Museumsmacher die Kasseler dazu aufgerufen haben, ihre persönlichen Erinnerungsstücke dem Museum für die am 16. Dezember beginnende Sonderausstellung „Dein! Kassel“ anzubieten, glühen die Drähte.

Bereits 150 Menschen haben beim Museum einen Termin zur leihweisen Abgabe ihres Schätzchens gemacht.

Auch Renate Schaub ist dem Aufruf gefolgt. Die Kasselerin hat einen Mantel aus ihrer Kindheit dem Museum überlassen. Mit diesem verbindet sie die Kasseler Bombennacht. Am 22. Oktober 1943 wurde ihre Familie, die am Ständeplatz lebte, ausgebombt. Die damals Dreijährige wurde aus dem Keller getragen – mit einem Schlafanzug und dem Mantel bekleidet. Als ihre Mutter 2001 starb, entdeckte sie in deren Keller den alten Mantel. Die Mutter hatte ihn über acht Umzüge immer mitgenommen.

Nicht minder interessant sind die Geschichte und die Fotoalben, die die Schwiegertochter des Filmplakatmalers Heinrich Eckhart Jäger dem Museum übergab. Jäger hatte die Kunstgewerbeschule in Kassel besucht und arbeitete von den späten 20er-Jahren bis in die 60er-Jahre für die Kasseler Kinos. Er malte für das damalige Ton-Theater an der Bremer Straße und später für die Reiss-Kinos in Kassel (Kaskade, Cinema etc.) die Plakatwerbung. Etliche Fotos von alten Kasseler Kinos und Autogrammkarten von Filmstars gehören zu seinem Nachlass.

Unter denjenigen, die ihre Stücke für die Sonderschau zur Verfügung stellen, sind auch Prominente: Zum Beispiel der Kasseler Musiker Timo Israng alias Dark Vatter. Dieser hat sein selbst gemaltes Schild zur Verfügung gestellt, das er für seinen allerersten Auftritt am Mikrofonständer befestigt hatte.

Er übergab Bilder und einen uralten Brief: Dr. Erhard Biermer wird mit seinen Objekten im Museum von Julia Herdes fotografiert.

Deutlich mehr zu schleppen hatte Dr. Erhard Biermer. Er brachte neun Kupferstiche mit Ansichten von Kassel vorbei. Ebenfalls übergab er einen Brief seines Urgroßvaters, den dieser 1834 nach einem Besuch in Kassel seiner Mutter schrieb. Darin schwärmt er für die Oberneustadt, die Wilhelmshöhe und die Ausflugslokale. Weniger gut kommt in seinen Zeilen die Altstadt weg, die er als eng, stinkend und dreckig beschreibt.

Zu den weiteren Stücken, die bisher abgegeben wurden, gehören alte Fässer der Herkules-Brauerei, eine Reservistenpfeife, ein Start- und Zielbanner des Herkulesrennens aus den 50er-Jahren und eine Rolleicord-Kamera, mit der heimlich Fotos vom kriegszerstörten Kassel gemacht wurden.

Wer glaubt, eine interessante Leihgabe zu besitzen, kann sich bis 21. November telefonisch an das Stadtmuseum wenden: 0561/ 787 41 59 (Mo-Fr. 9 bis 15 Uhr) oder E-Mail (stadtmuseum@kassel.de). Dort wird geklärt, ob Interesse besteht. Die Leihgaben müssen bis Ausstellungsende am 1. Mai 2017 im Museum bleiben.


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