Traditionsgeschäft Leder Meid macht Schluss

Prägender Bau am Friedrichsplatz: Das Haus von Leder Meid mit seiner charakteristischen Schaufensterpassage. Fotos:  Hedler

Kassel. Ein weiteres Traditionsgeschäft in Kassel wird bald für immer schließen: Die Firma Leder Meid am Friedrichsplatz beginnt am Samstag mit dem Räumungsverkauf.

Ende Februar 2016 soll die 92-jährige Geschichte des Lederwarenunternehmens zu Ende sein, sagten die Inhaberinnen Gertrud Feuring und Margot Stora. Über eine Nachnutzung des Vier-Etagen-Gebäudes, das der Firma selbst gehört, sei noch nichts entschieden.

Seit ihren Lehrjahren bei Leder Meid: Die Inhaberinnen Gertrud Feuring (links) und Margot Stora.

Der Betrieb sei bei einer Größe von über 900 Quadratmetern Verkaufsfläche nicht mehr rentabel, sagte Gertrud Feurig und räumte ein: „Auch wir haben die Konkurrenz durch das Internet unterschätzt.“ Auch in der Lederwarenbranche sei es inzwischen gang und gäbe, dass sich Kunden erst ausführlich beraten ließen, dann aber im Netz nachschauten, ob sie den gewünschten Artikel dort ein paar Euro billiger bekommen.

Vor allem bei Standard-Markenware wie Reisegepäck und Rucksäcken sei das der Fall, sagte Margot Stora. Mit 83 Jahren kümmert sich die Geschäftsfrau noch immer halbtags um die Büroarbeiten. Mitinhaberin Feuring ist mit 64 Jahren in der Lebensphase des gängigen Ruhestandseintritts.

Die Frage nach Nachfolgern aus den eigenen Familien habe sich nicht gestellt, sagten die Inhaberinnen, die schon seit ihren Lehr- und Teenagerjahren der Traditionsfirma angehören. Weil das Gründerpaar Langlotz-Meid selbst keine Kinder hatte, wurden die beiden langjährigen Angestellten nach dem Tod von Susanne Langlotz in die Geschäftsleitung berufen und bekamen die Firma schließlich ganz überschrieben.

Nach fast 30 Jahren in der Führungsrolle müssen nun auch das schmerzvolle Geschäft der Abwicklung erledigen. Betroffen sind neun Angestellte, die mit einer Ausnahme ebenfalls seit ihrer Lehre bei Leder Meid sind. „Das tut natürlich allen im Haus sehr leid“, sagte Gertrud Feuring.

Was aus der Immobilie am Friedrichsplatz 4 werden soll, sei noch nicht absehbar - mehr als erste Sondierungen gibt es laut Gertrud Feuring nicht.

Der Bau von 1955 mit seiner Schaufensterpassage, dem zeittypischen Neonschriftzug und der schwungvollen Galerie-Aufteilung im Inneren ist ein Kleinod von Kassels Wiederaufbau-Architektur. Werner Hasper, der auch die Treppenstraße geplant hat, baute das Geschäftshaus im Stil der „Neuen Dynamik“ für die Eheleute Langlotz, die im obersten Stockwerk ihre Privatwohnung mit Panoramablick über den Friedrichsplatz hatten.

Die heutigen Büroräume von Leder Meid sind noch immer von Möbeln und Fotos der Gründer geprägt, die auch in Kassels Gesellschaftsleben eine feste Größe waren. Susanne Langlotz aus der Offenbacher Leder-Dynastie Meid sei „eine tolle Geschäftsfrau“ gewesen, erinnert sich Margot Stora, die mit den Inhabern auch private Kontakte pflegte.

Sie selbst werde jetzt nach einem 67-jährigen Arbeitsleben mehr Zeit für ihre Kasseler Großfamilie haben, sagte Margot Stora, die schon Urgroßmutter ist: „Bei unseren Sonntagsessen sind wir immer mindestens elf Personen.“

Chronik: Leder Meid seit 92 Jahren in Kassel

Die Tradition von Leder Meid in Kassel reicht bis ins Jahr 1923 zurück. Die Feintäschner-Familie Meid aus Offenbach hatte sechs Kinder, die allesamt Ledergeschäfte unter dem Namen Meid in verschiedenen deutschen Städten gründeten.

Susanne Langlotz, geborene Meid, machte mit ihrem Mann August Langlotz ein Ladengeschäft an der Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) in Kassel auf. In den Folgejahren kamen zwei Filialen an der Oberen Königsstraße hinzu. In der Bombennacht am 22. Oktober 1943 wurde diese Geschäfte zerstört.

Nach dem Krieg fingen Susanne und August Langlotz mit ersten Verkäufen an der Friedrich-Ebert- Straße 17 neu an. 1949 begann das Paar mit dem Bau des Eckhauses Obere Königsstraße 10 nahe dem Rathaus. Die 300 Quadratmeter Verkaufsfläche dort wurden bald zu knapp für das ausfstrebende Unternehmen, das in seinen besten Jahren an die 100 Mitarbeiter beschäftigte. 1955 bauten die kinderlosen Eheleute Langlotz zusätzlich das heutige Firmendomizil am Friedrichsplatz 4, in dem sie auch privat wohnten.

Nachdem Susanne Langlotz im Jahr 1980 gestorben war, nahm August Langlotz seine beiden langjährigen Mitarbeiterinnen Margot Stora und Getrud Feuring mit in die Geschäftsführung. Später überschrieb er ihnen das gesamte Unternehmen.

1994 starb auch August Langlotz mit 96 Jahren. Trotz völliger Erblindung war er noch im hohen Alter halbtags im Geschäft aktiv.

Im Jahr 2000 trennten sich seine Nachfolgerinnen von dem Standort Obere Königsstraße. Ende Februar 2016 wird nun die Geschichte des gesamten Unternehmens zu Ende sein.

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