Name bleibt erhalten

Neubeginn für Lederhaus: Traditionsgeschäft Schumann hat neuen Besitzer

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Die Anfänge: So sah die Lederhandlung Schumann in den 1920er-Jahren aus. In der Eingangstür steht Eduard Schumann.

Kassel. Das Lederhaus Schumann am Königsplatz bekommt nach 93 Jahren einen neuen Besitzer - und bleibt dennoch seiner Tradition treu.

„Ich bin sehr froh, dass wir die passenden Nachfolger gefunden haben“, sagt Antje-Gudrun Russo (60), die Enkelin von Eduard Schumann und Tochter von Karl Schumann. Gemeinsam mit ihrem Mann Michel (65), einem gebürtigen Franzosen“, hat sie in den vergangenen Jahren das Lederhaus geleitet.

Am 1. August geht die Familientradition der Schumanns nach vier Generationen zu Ende (siehe unten). „Unsere Tochter lebt in Berlin und hat sich beruflich anders orientiert“, sagt Antje-Gudrun Russo. Deshalb habe sie sich mit ihrem Mann schon länger nach einer geeigneten Nachfolge umgesehen. Die kommt ebenfalls aus einem Traditionsunternehmen. In Gütersloh und Paderborn betreibt die Familie Schlink seit 1868 ein Lederwarengeschäft. Die jüngste Generation steigt jetzt in Kassel ein.

Die Geschäftsführer: Michel Russo und Antje-Gudrun Russo im Lederhaus.

Der Name Schumann soll allerdings bleiben - und auch der Anspruch an die Qualität der Waren. Die habe ihren Preis, biete im Gegensatz zu Billigprodukten aber auch die Gewähr für Langlebigkeit und menschenwürdige Produktionsbedingungen, sagt Antje-Gudrun Russo. Der Abschied fällt ihr nicht leicht. „Ich bin quasi hinter dem Verkaufstresen groß geworden“, sagt sie. Vieles hat sie von ihren Eltern gelernt und darauf aufbauend in Stuttgart Betriebswirtschaft studiert. Ihren späteren Mann lernte sie bei einem Urlaub in Südfrankreich kennen. Er hat die Kontakte zu französischen und italienischen Modemachern ausgebaut.

Die Arbeit im Geschäft habe viel Einsatz gefordert, sagt die ehemalige Balletttänzerin. Hinzu kamen regelmäßige Messebesuche im In- und Ausland am Wochenende. Interessant und anstrengend sei das gewesen. „Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist“, sagt Antje-Gudrun Russo. Dieser Zeitpunkt sei jetzt gekommen.

Für die 13 bestens qualifizierten Mitarbeiter ändere sich durch die Übernahme nichts. Alle würden weiter beschäftigt.

Aufbau zwischen Trümmern

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand das heutige Lederhaus am Königsplatz 

Die Geschichte des Lederhauses Schumann ist auch ein Stück Kasseler Stadtgeschichte. Das heutige Gebäude am Königsplatz entstand in den 1950er Jahren auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges.

Das erste Ledergeschäft mit dem Namen Schumann befand sich an der Mittelgasse im Zentrum der Kasseler Altstadt. Eduard Schumann eröffnete es im Jahr 1923. Seine Frau Irmgard kannte sich gut in dem Metier aus. Ihr Vater Karl Flentje kam aus der gleichen Branche und hatte eine Lederhandlung an der Obersten Gasse.

Zerstörung im Krieg 

Grundsteinlegung nach dem Krieg: Eduard Schumann am Königsplatz.

In der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 wurde auch das Geschäft an der Mittelgasse getroffen und brannte völlig aus. Vom Inventar blieb nichts übrig, doch aufgeben wollten die Schumanns nicht. Sie kauften in den Nachkriegsjahren ein Grundstück am ebenfalls weitgehend zerstörten Königsplatz. Hier entstand inmitten von Ruinen ein neues Geschäftshaus. Immer wenn Geld übrig war, wurde ein weiteres Stockwerk aufgesetzt. Für das Geschäft in dem wachsenden Neuaufbau waren Dr. Karl Schumann und seine mittlerweile verstorbene Frau Erika verantwortlich.

Ephesus zu Besuch 

Der 96-Jährige Seniorchef, der lange Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer war, verfolgt die Entwicklung des Geschäfts immer noch mit großem Interesse. Karl Schumann hat uns vor einiger Zeit folgenden Geschichte aus den 1920er Jahren erzählt: Das Altstadtoriginal Ephesus sei jeden Montag zu seinem Vater ins Geschäft an der Mittelgasse gekommen. Ephesus habe sich auf einen Stuhl gestellt und folgende Worte gesprochen: „Am Altmarkt an der großen Säule stand die alte Reichskupäule (Kupille) und der Ephesus daneben.“ Anschließend habe Ephesus von seinem Vater ein wenig Geld für Schoppen und Kännchen erbettelt. Von seiner Mutter habe er belegte Brötchen bekommen.

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