„Die schlagen sich hier, die schreien vulgäre Sachen, die unter die Gürtellinie gehen"

Trinkerszene auf Friedrichsplatz: Schlägereien gehören zum Alltag

Statt Besuch auf einer Toilette: Dieser Mann urinierte am Donnerstagmittag an die Fassade von SinnLeffers am Friedrichsplatz.

Kassel. Die Trinkerszene auf dem Kasseler Friedrichsplatz wird zum großen City-Problem. Ein Kellner berichtet, dass Polizei und Ordnungsamt nichts dagegen ausrichten können.

Seine Dose Bier hat der Mann am Donnerstagmittag auf eine Mauer am Parkplatz von SinnLeffers gestellt. Die Menschen, die sich auf dem Friedrichsplatz aufhalten, sehen nur seinen Oberkörper.

Seine Haltung ist aber eindeutig: Der Mann uriniert an die Fassade des Modehauses. Anschließend nimmt er sein Bier und geht zurück zu den Treppenstufen am Friedrichsplatz. Dort begrüßt er per Handschlag einige Männer, die ebenfalls auf der Treppe sitzen und Bier konsumieren.

Dass auf und an dem Platz in aller Öffentlichkeit gepinkelt wird, gehört für einen Mitarbeiter des benachbarten Biergartens Kovac längst zur Normalität. „Die schlagen sich hier, die schreien vulgäre Sachen, die unter die Gürtellinie gehen, die ziehen sich durch die Nase was rein und handeln mit Tabletten“, sagt der Kellner. „Wir kriegen sogar die Preise mit, weil sie manchmal kommen, um Geld bei uns zu wechseln. So eine Tablette kostet vier Euro.“

Regelmäßig kämen Polizei und Ordnungsamt auf den Friedrichsplatz, um die Trinker- und Drogenszene zu kontrollieren, sagt der Mann. „Aber die können an dem Zustand hier nichts ändern.“ Zudem werde auch oft ein Rettungswagen gerufen, wenn es jemanden aus der Szene schlecht gehe. Der Kellner berichtet, dass vor kurzem ein Mann auf dem Portikus von SinnLeffers an einer Überdosis gestorben ist.

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Das bestätigt Polizeisprecher Matthias Mänz auf Anfrage. Ein 40-jähriger Mann aus der Szene ist demnach am Freitag vergangenerWoche, am 29. Juli, um kurz vor 18 Uhr auf der Treppe des Modehauses gestorben. Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis komme in Betracht, dass der Mann an einer Überdosis gestorben ist. Die Polizei sei neben den Rettungskräften auch vor Ort gewesen.

Von diesem Todesfall abgesehen habe es in jüngster Zeit keine „herausragenden Einsätze“ der Polizei auf dem Platz gegeben, sagt Mänz. Die Polizei mache regelmäßig Drogenkontrollen oder komme, wenn Streit ausgebrochen sei.

Der Kellner berichtet, dass viele seiner Gäste nicht verstehen könnten, dass die Stadt Kassel nicht gegen die Szene unternehmen kann. „Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr zur documenta.“

Nach Angaben der Stadt besteht der harte Kern der Trinkerszene aus acht bis zehn Leuten. Das Aufkommen auf dem Friedrichsplatz sei aber zeit- und wetterabhängig. In Hochzeiten würden sich mamanchmal bis zu 60 Personen der Szene dort treffen.

Mülltüten hängen an der Tiefgarage

Parkhausgesellschaft bezeichnet graue Abfallsäcke als „inakzeptable Maßnahme“ der Stadtreiniger 

Die Parkhausgesellschaft der Stadt Kassel kritisiert in dem Brief an den Magistrat auch, dass die Stadtreiniger mittlerweile Müllsäcke an das Gebäude der Tiefgarage anbinden, in denen die Szene ihren Müll entsorgen soll. Man halte das für eine „inakzeptable Maßnahme“.

Abgesehen davon, dass diese Müllsäcke sehr unansehnlich seien und dies auch nicht mit der Parkhausgesellschaft abgesprochen worden sei, wäre es ein leichtes, einfach die Anzahl der Abfalltonnen in diesemBereich zu erhöhen. Allerdings hat man bei der Parkhausgesellschaft großen Zweifel daran, dass die Szene solche Tonnen auch nutzen würde. In der Regel würde der Müll an Ort und Stelle fallen gelassen.

Rainer Rethemeier, Sprecher der Stadtreiniger, weist zurück, dass der Entsorger einfach Mülltüten im öffentlichen Raum beziehungsweise an das Eingangsgebäude der Tiefgarage aufhängen würden.

Die Säcke seien von Mitarbeitern der Stadtreiniger nach Bedarf an Leute der Trinkerszene ausgegeben worden, die selbst den Müll auf dem Friedrichsplatz einsammeln wollten. Darüber hinaus könnten die Parkhausgesellschaft und das Modehaus SinnLeffers zusätzliche Mülleimer auf ihren Privatgrundstücken aufstellen lassen, um die Verschmutzung einzudämmen. Das sei aber „Sache des Grundstückeigentümers“. Entsprechende Anfragen habe es an die Stadtreiniger aber noch nicht gegeben.

Laut Rethemeier sind die Stadtreiniger mehrmals am Tag in der Innenstadt unterwegs, um Abfall einzusammeln. Das Müllaufkommen auf dem Friedrichsplatz sei vergleichsweise hoch.

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