Warum die Amazon-Pläne für EM und Kino auf so große Kritik stoßen

Der Königsplatz könnte zum Brennpunkt öffentlicher Fußballfeste werden: Eine Agentur, hinter der offenbar der Internethändler Amazon steht, will dort EM-Übertragungen organisieren. Parallel soll es andernorts in der Innenstadt ein von Amazon gesponsertes Open-Air-Kino geben, wo auch Werbung für die Angebote des Handelsriesen gemacht werden soll. Luftbild  Charterflug Knabe / Schachtschneider

Kassel. Mit Fußball und Kino möchte Amazon, der größte Angst-Konkurrent des stationären Einzelhandels, tagelang die Innenstadt bespielen und dabei für sich Werbung machen.

Dass solche Pläne bei der örtlichen Kultur- und Geschäftswelt nicht auf Begeisterung stoßen, ist wohl auch der Stadt und dem Veranstalter bewusst. Dort werden die Planungen bisher auf recht kleiner Flamme gehalten.

Nach Auskunft der Stadt liegt dort ein Antrag vor, an fünf aufeinander folgenden Tagen - Sonntag bis Donnerstag - in der Innenstadt ein Open-Air-Kino einzurichten, wo „ein bis zwei Jahre alte Filme“ kostenlos gezeigt werden. Der Spielort stehe noch nicht fest, zu geplanten Veranstaltungsterminen gab es keine Angaben. Derzeit liefen Gespräche mit dem Antragsteller sowie mit Behörden und städtischen Fachämtern, hieß es.

Auf konkrete Nachfrage der HNA betonte die Stadt, dass die Firma Amazon nicht der Antragsteller sei - „weder für das Public Viewing, noch für das Open-Air-Kino“. Nach Kenntnis der Stadt solle das Kino-Open-Air „jedoch durch die Firma Amazon gesponsert werden“.

Antragstellerin ist offenbar eine Veranstaltungsagentur im Auftrag des Internetriesen. Auch bei der Amazon-Pressestelle übt man sich in Zurückhaltung: Auf eine erste HNA-Anfrage hieß es, man könne zu den Kasseler Planungen „noch keine Auskunft geben“, werde sich aber melden, „sobald wir mehr wissen“. Tags darauf hieß es dann plötzlich: Von Amazon Prime Video sei nichts dergleichen geplant. Ob das Unternehmen eventuell andere Firmen mit solchen Planungen beauftragt hat, blieb offen.

Wie es aus informierten Kreisen hieß, soll ein überwiegender Teil der von Amazon angefragten Städte die Anträge abgelehnt haben. Die Stadt Aachen etwa bestätigte das der HNA. Ablehnungsgrund dort: Man wolle Amazon nicht gegenüber örtlichen Kinoveranstaltern bevorzugen.

Sprecher des Kasseler Innenstadt-Einzelhandels äußerten sich über den Vorstoß des Online-Handelsriesen wenig überrascht. „So etwas werden wir auf Dauer ohnehin nicht verhindern können“, sagt Königs-Galerie-Betreiber Gerhard Jochinger: Den Siegeszug des Internethandels „werden wir nicht zurückdrehen können.“

Ähnlich sieht es Martin Wimberger, Manager des City-Points. Er findet die Amazon-Offensive „natürlich nicht so schön, es ist allerdings auch kein ungewöhnliches Gebaren“. Wimberger legt aber Wert darauf, dass die Stadt so einem finanziell mächtigen Wettbewerber keine Vorzugsbehandlung einräumen dürfe: Bei Genehmigungen und Gebühren für solche Events dürfe die Stadt Amazon nicht besser stellen als andere Akteure.

Buchhändler Lothar Röse (Hofbuchhandlung Vietor) findet die geplante Veranstaltung schlicht „eine Sauerei“. Er sagte, die zunehmenden Laden-Leerstände in Kassel hätten ursächlich mit Amazon zu tun: „Die Leute lassen sich im Fachhandel beraten und kaufen dann bei Amazon ein - so geht die Innenstadt kaputt.“

Einen massiven Schaden durch das geplante Amazon-Open-Air fürchten Kasseler Kinobetreiber. „Wenn man das jetzt genehmigt, macht man für künftige Jahre eine große Tür für solche Akteure auf“, sagt Frank Thöner von der Filmladen/Bali-Gruppe.

Wolfgang Schäfer, Geschäftsführer des Cineplex Capitol, spricht von einem „nachhaltigen Schaden für die Kinokultur und den Innenstadthandel in Kassel“. Auch die Botschaft an die Kulturschaffenden wäre sehr negativ, so Schäfer: „Man bestraft diejenigen, die das ganze Jahr in Nordhessen für ein engagiertes, buntes Kulturprogramm sorgen“, indem man deren größtem Wettbewerber eine Bühne für kostenlose Publikums-Angebote einräume. Schäfer: „Die freie Kultur- und auch Gastronomieszene kann sich so etwas überhaupt nicht leisten und darf es lizenzrechtlich auch nicht.“

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