Neue Technologie

Der Wunderspiegel erspart das Umkleiden

Kassel. Kleidung kaufen, ohne sich umkleiden zu müssen? Ohne Hemd, Hose, Jacke anprobieren zu müssen? Ein neuartiger Spiegel macht es möglich.

Wie die Zukunft des innerstädtischen Einzelhandels aussehen könnte, kann man derzeit noch bis zum 22. August im Modehaus Köhler an der Oberen Königsstraße ausprobieren. Dort steht der Prototyp eines Wunderspiegels, der nach den Plänen der Bayreuther Startup-Firma Vantastec den Bekleidungs-Einkauf revolutionieren soll.

Was Vantastec-Gründer Carsten Detzer bei der Premiere am Freitag vor einer Fachpublikumsrunde präsentierte, war faszinierend: Sein „Moodboard“, eine gut zwei Meter hohe Spiegelstele, wirkt auf den ersten Blick wie ein simpler Werbebildschirm, auf dem Modepräsentations-Videos flimmern. Doch sobald eine Person vor das Gerät tritt, erscheint deren Spiegelbild auf der Säule - angezogen in aktuellen Kollektionen der Modefirma Drykorn, die den Prototyp-Entwicklern zugearbeitet hat.

Eine Kamera ermittelt per Gesichtserkennungs-Software Altersgruppe und Geschlecht des Menschen vor dem Spiegel. Infrarot-Sensoren erfassen die Körpershilouette und ermitteln so die Konfektionsgröße. Hebt die Person die rechte Hand, wechselt das Spiegelbild die Kleider. Wenn man sich dreht und bewegt, passt sich auch das Abbild in gewissen Grenzen an. Von einigen Vorführeffekten bei der Präsentation abgesehen, geht das alles ganz fix: In einer Sekunde ist man virtuell umgezogen, ohne eine Umkleidekabine betreten zu haben.

Solche Geräte könnten bald an zentraler Stelle in Einkaufszentren oder an Bushaltestellen stehen, sagt Firmengründer Detzer. In Schaufensterfronten aufgestellt, könne die Technologie rund um die Uhr für Aufmerksamkeit und auch für Umsatz sorgen - dank direkter Online-Bestellmöglichkeit per QR-Code auf dem Spiegel. „Wir speichern aber keine Informationen über die Nutzer“, betont der 30-Jährige.

Detzer kommt aus der Werbebranche und hat die Geschäftsidee von einem USA-Aufenthalt mitgebracht. Über Gründer-Netzwerke kam er in Kontakt mit Köhler-Inhaber Ludwig Vordemfelde, der die technische Premiere in seinem Kasseler Modehaus möglich machte. Der sagte: „Ich bin zuerst skeptisch gewesen. Aber ich kann mir gut vorstellen, das auch wir das nutzen werden, wenn es marktreif ist.“

Zum Ausprobieren hat der Wunderspiegel bislang je zwei Outfits für junge Männer und Frauen an Bord. Bei Personen anderer Altersgruppen und Kleidergrößen zeigt er lediglich die erkannten Daten an, ohne das Outfit zu wechseln.

Nach Ansicht von Martin Schüller, Geschäftsführer vom Einzelhandelsverband Hesssen-Nord, könnte in solchen Technologien die Zukunft des innerstädtischen Einzelhandels liegen. Er begrüße es, dass Geschäfte so genannte Multichannel-Strategien ausprobieren. Das könne bewirken, dass „die Leute wieder mehr in die Innenstädte kommen und nicht nur vom Sofa aus online einkaufen.“

Hintergrund: So funktioniert der Wunderspiegel

Das zum Patent angemeldete „Moodboard“ nutzt eine Gesichtserkennungs-Software sowie ein Kinect-Sensormodul, wie es auch in der Spielekonsole Xbox zum Einsatz kommt, um Körperbewegungen in Videospiel-Welten umzusetzen.

Um die Garderobenbeispiele zu generieren, muss für jeden Einzelfall ein Model in 400 genau definierten Positionen fotografiert werden. Je nachdem, wie sich der Benutzer bewegt, wird das passende Bild online abgerufen und mit dem Kamera-Kopfbild des Menschen vor dem Spiegel kombiniert.

Während die eigentliche Gerätetechnik mit voraussichtlich 3000 bis 4000 Euro relativ erschwinglich sein wird, liegt der große Aufwand in der fotografischen Vorbereitung neuer Modekollektionen. Sollten sich die Geräte allerdings am Markt durchsetzen, könne jedes Modelabel, das sich diesem Aufwand einmal pro Saison unterzieht, an tausenden Verkaufs- und Werbepunkten präsent sein. Entsprechend günstig wüde es für einzelne Geräteaufsteller.

Rubriklistenbild: © Foto:  Koch

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