Beim Prozessauftakt vor dem Landgericht bestreitet „Sturm 18“-Gründer Bernd T. alle Vorwürfe

Prozessauftakt: Neonazi soll 17-Jährige vergewaltigt haben

Kassel. Jeder Besucher wird durchsucht, jede Tasche kontrolliert, jedes Handy eingesammelt. Unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen hat gestern der Vergewaltigungsprozess gegen den Kasseler Neonazi-Anführer Bernd T. begonnen.

Und seine Gefolgschaft steht in Treue fest zu dem 36-Jährigen: Die Mitglieder seiner Kameradschaft „Sturm 18“ sind zahlreich angetreten zum Besuch im Kasseler Landgericht – und quittieren mit höhnisch-ironischem Lachen, was ihrem Chef vorgeworfen wird.

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Neonazi soll 17-Jährige vergewaltigt haben

Zweimal soll Bernd T. 2010 eine damals 17-Jährige vergewaltigt haben. Mit Faustschlägen ins Gesicht und Tritten seiner Stiefel habe er sich die junge Frau gefügig gemacht, heißt es in der Anklage. Auch bei anderen Gelegenheiten soll er die Jugendliche geschlagen und beleidigt haben. Und ihre Mutter habe er mit dem Tod bedroht: Er werde ihr „ein Messer in den Schädel hauen“.

Der Angeklagte will sich zunächst nicht äußern. „Das Einzige, was ich sagen will“, verkündet er in militärischem Ton, „ich bin in keinem Punkt der Anklage schuldig.“ Dafür geht sein Verteidiger Jens Waechtler gleich zum Auftakt in die Offensive und beantragt ein Glaubwürdigkeitsgutachten über das mutmaßliche Opfer – noch ehe die junge Frau vernommen worden ist.

Gegen Anfeindungen und Bedrohungen aus der rechten Szene wurde die mittlerweile 18-Jährige ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Es ist ein erschütternder Moment, als sie den Gerichtssaal betritt – geführt von Polizeibeamten, die sie an die Hand genommen haben, unsicher auf den Beinen, zitternd. „Ich kann nicht“, sagt sie leise, als sie den Angeklagten sieht. Trotzdem darf Bernd T. bei ihrer Aussage im Raum bleiben. Nur die Öffentlichkeit wird ausgeschlossen.

Die Labilität der Frau ist der Trumpf, den die Verteidigung ausspielen möchte: Alle Vorwürfe seien frei erfunden, sagt Rechtsanwalt Waechtler, spricht von „Wahn und Schizophrenie“, vom „wahllosen“ Schlucken von Tabletten, von einem Rachefeldzug aus enttäuschter Liebe. „Sie hat sich möglicherweise in den Angeklagten verliebt und handelt aus Eifersucht.“

Über das beantragte Glaubwürdigkeitsgutachten will die Strafkammer später entscheiden. Wie Bernd T. tickt, wird aber auf jeden Fall ein Psychiater erklären: Es geht um die Gefährlichkeit des 36-Jährigen. Denn der Neonazi, der 2006 als vermeintlicher Aussteiger aus der rechten Szene vorübergehend den Multikultur-Verein Spitze in der Nordstadt übernommen und damit für Wirbel gesorgt hatte, ist wegen Gewalttaten vorbestraft. Über eine Haftstrafe hinaus droht ihm nun auch die Sicherungsverwahrung.

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. (jft)

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