Filmemacher Klaus Stern setzt Erfolgsdoku „Versicherungsvertreter“ fort

Neue Doku über Mehmet Göker: „Er fühlt sich komplett unschuldig“

Als Boss eisenhart: Mehmet Göker greift auch mal hart durch und findet strenge Worte für sein Team.

Der Kasseler Filmemacher Klaus Stern hat einen zweiten Dokumentarfilm über den Versicherungsvermittler Mehmet Göker gedreht. Im Interview spricht er über die Entstehung des Films.

Den Aufstieg und Fall des Versicherungsvermittlers MEG begleitete Klaus Stern 2011 in seiner erfolgreichen Filmdoku „Versicherungsvertreter“. Jetzt hat er den schillernden Firmengründer Mehmet Göker (36) wieder besucht – und dessen neue Firma, die von der Türkei aus agiert. „Versicherungsvertreter 2“ hat am Sonntag in München Premiere und ist ab Mittwoch im Kasseler Bali-Kino zu sehen.

War es schwierig, Göker wieder für den Film zu gewinnen? 

Klaus Stern: Er hat mich sofort eingeladen. Göker liebt meinen damaligen Film, weil er dadurch enorm an Bekanntheit gewonnen hat. Das ist, wohlgemerkt, seine Lesart. Was über die 18 Monate bei vier Drehperioden in der Türkei kaum möglich war: Mitarbeiter wirklich allein zu sprechen.

Wie geht es Gökers Firma? 

Die Termine für Sterns neuen Film

Beim Münchner Dokumentarfilmfest hat der Film „Versicherungsvertreter 2“ am Sonntag, 20.30 Uhr, im Kino Rio 1 Weltpremiere. In Kassel läuft er ab Mittwoch im Großen Bali, erste Vorstellungen um 20 und 22 Uhr.

Stern: Ich würde sagen, nicht so gut. Was der Film ja auch zeigt. Die Firma macht heute bis zu 90 Prozent Tarifoptimierung für Kunden von privaten Krankenversicherungen. Da holt man sich die Provision von den Kunden, nicht von den Versicherungen, wie früher. Welche Geschäfte er genau machte, wollte Göker erst nicht verraten. Erst am Schluss kommt er mit so etwas wie Wahrheit rüber.

Wie hat sich seit 2011 die Branche in Sachen private Krankenversicherungen verändert?

Stern: Das kann man vergleichen mit Firmen, die Landminen verkaufen und später Systeme verticken, um Landminen aufzuspüren. Viele von denen, die private Krankenversicherungen vermittelt haben, haben heute Agenturen dafür, den Kunden neue Tarife anzudrehen. Die rufen an und sagen: „Sie zahlen 512 Euro Krankenversicherungsbeitrag, das ist viel zu teuer“ – hatten denselben Kunden das aber früher so verkauft.

2011 wollten die Krankenversicherungen partout nicht in Ihrem Film vorkommen. Das war denen wegen der zwielichtigen Figur Göker zu heikel. Jetzt zeigen Sie einen Filmausschnitt, wo sich ein hochrangiger Versicherungsmann öffentlich bei Mehmet Göker bedankt. Wie kommt das? 

Liebt den Geruch von Dollarnoten: Mitarbeiter Farid L. Aminzadeh (links) mit dem per Haftbefehl gesuchten Versicherungsvermittler Mehmet Göker in ihrem Büro in der Türkei.

Stern: Das Material habe ich erst vor wenigen Wochen gefunden. Was diese Filmszene so besonders macht: Die Versicherer weigern sich weiterhin, etwas vor der Kamera über Herrn Göker zu sagen. In jener Szene sieht man aber, wie sich Versicherungsvorstände bei der MEG-Feier Mehmet Gökers sektenartiges Einpeitschen anhören. Und stolz sind, die „Gunst der ersten Nacht“ mit dem Versicherungsverkäufer Göker gehabt zu haben. Die Alte Leipziger / Hallesche war die erste, die mit der MEG gearbeitet hat. Ich frage mich: Warum haben fast alle Versicherungen mit Herrn Göker Geschäfte gemacht? Die Frage wird, wohl aus Scham, auch fast sechs Jahre nach der Insolvenz von den Krankenversicherungen nicht beantwortet.

In einer Szene braucht Göker Geld und bespricht sich mit Kollegen. Die gehen extra vor die Tür – ihr Mikro ist aber angeschaltet und man hört alles. 

Stern: Ich muss dem Medienprofi Göker ja nicht erklären, wie ein Funk-Mikro funktioniert. Wenn er etwas nicht gefilmt haben wollte, hat er es gesagt. Selbstredend halte ich mich daran.

Wie ist der Stand der Dinge bei der Anklage gegen Göker? 

Stern: Es gibt seit zwei Jahren eine Anklage, das Gericht prüft noch, ob das Hauptverfahren eröffnet wird. Es geht um den Vorwurf, dass Göker wertvolle Adressbestände in die neue Firma mitgenommen hat. Im Film wirft Göker Staatsanwalt Töppel Übereifer vor – aber er räumt auch ein, das er „altes Papier“, wie er es nennt, habe. Aber: Er fühlt sich weiter komplett unschuldig.

Sie reden mit einem Aussteiger und einem Ex-Praktikanten, die sehr kritische Worte finden. Wie kam das? 

Stern: Ich fand es klasse, dass die sich nicht wegpixeln lassen, wenn sie auspacken – anders als sonst oft in Dokus. Manuel Ülger, den ich erst in Gökers Team und dann als Aussteiger erlebte, spricht es aus: Bei Göker gibt es nicht das große Geld zu verdienen – anders als er selbst behauptet.

Wie haben Sie Mehmet Göker erlebt, wie ist der so? 

Stern: Intelligent, redegewandt, gewinnend. Einerseits spürt man seine kulturelle Sozialisation, wo es darum geht, die Familie zu beschützen. Dazu kommt eine Seite, die sagt: Das Gesetz bin ich – er kann sich schlecht an Regeln halten. Göker ist eine ambivalente Figur. Die Mitarbeiter haben sich bei ihm über Facebook beworben, sehen in ihm einen großen Bruder, sind begeistert von der vermeintlichen Aussicht aufs große Geld, ziehen in die Türkei. Doch immer, wenn ich wiederkam, waren andere Leute im Team. Kontinuität fehlt.

Er schreit nach wie vor viel herum und sagt den Mitarbeitern vor der Kamera mehrfach, sie seien behindert, wenn sie einen Fehler gemacht haben. 

Stern: Ja, und kurz darauf sagt einer der so Beschimpften zu mir, er müsse einfach stärker sein „Gehirn aufklappen“, dann verkaufe er besser. So was schafft wohl nur Göker.

Einer sagt in einem Bewerbungsgespräch, dass er durch Ihren Film auf Göker aufmerksam wurde und sofort für ihn arbeiten wollte. 

Stern: Ja, der hat ihn in der ARD gesehen. Dazu kommt: Angeblich lief mein Film eine zeitlang wöchentlich in Gökers Residenz auf Großbildleinwand. Aber auch bei den Versicherungskonzernen wird der Film verwendet – zu Schulungszwecken.

Klaus Stern

Klaus Stern (46, ein Sohn), geboren in Ziegenhain, ist gelernter Briefträger. Er studierte Wirtschaft und Politik an der Uni Kassel. Sein erster Dokumentarfilm über die Lorenz-Entführung war für den Adolf-Grimme-Preis nominiert. Diese Auszeichnung erhielt er 2006 für „Weltmarktführer“. Für sein Andreas-Baader-Porträt bekam er den Deutschen Fernsehpreis. In der Region sorgten auch „Henners Traum“ über ein geplatztes Tourismusprojekt nahe Hofgeismar und „Versicherungsvertreter“ für Aufsehen. Stern lebt in Kassel. 

Hintergrund

Die Geschäfte der MEG

Mehmet Göker gründete im April 2006 die Firma MEG, sie vermittelte private Krankenversicherungen. Die Geschäfte liefen zunächst gut, die Provisionen der Versicherungen betrugen pro Vertrag bis zu 8000 Euro. Göker und seine Mitarbeiter schwelgten im Luxus. Mit 25 hatte der junge Deutsch-Türke seine erste Million verdient. Ab 2008/2009 ging es bergab, die Storno-Quote für Verträge wuchs, es gab aber keine Rücklagen, um Verluste auszugleichen. Göker entnahm aus dem Unternehmen Millionen. Das Ende zeichnete sich ab, als für die MEG-Vertreter Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuer fällig wurden, die nie gezahlt worden waren. 2010 beschloss das Kasseler Amtsgericht die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Göker setzte sich in die Türkei ab.

Im April 2013 klagt die Staatsanwaltschaft ihn wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Verrats von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen sowie wegen des Verstoßes gegen das Bundesdatenschutzgesetz an. Er soll sich 495.000 MEG-Datensätze (Adressen von potenziellen Kunden) beschafft und sie aus der Türkei heraus verkauft haben. Die Datensätze hätten in die MEG-Konkursmasse gehört. Gökers Gewinn: drei Millionen Euro.

Im September 2013 die nächste Anklage. Der Vorwurf: Vereiteln der Zwangsvollstreckung. Damit Gläubiger nicht an seine Ferienhäuser in der Türkei kommen, soll Göker die Häuser gegen nicht existente Scheinforderungen an Dritte abgetreten haben.

Schon früher hatte Göker mit dem Kasseler Amtsgericht Bekanntschaft gemacht. 2008 wurde er wegen Steuerhinterziehung und Vorenthaltung von Arbeitsentgelten zu einer Geldstrafe von 720.000 Euro verurteilt. 2010 wurde er wegen Bedrohung und Beleidigung zu einer Geldstrafe von 2500 Euro verurteilt, 2011 erhielt er wegen Untreue eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten. (tho/fra)

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