Dauerausstellung mit Stücken aus Nord- und Mittelhessen

Neue Schau für alte Trachten zur Wiedereröffnung des Hessischen Landesmuseums

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Alte Fotos dienen als Vorlage: Das um 1900 aufgenommene Bild einer Gruppe in Spitzbetzeltracht stammt aus dem Raum Fritzlar, mehr ist leider nicht bekannt.

Kassel. Das Hessische Landesmuseum öffnet am 26. / 27. November wieder. Nach Jahrzehnten im Depot werden viele Exponate der Volkskunde-Sammlung in der neuen Dauerausstellung zu sehen sein - darunter auch nord- und mittelhessische Trachten.

Trachten drückten einst Konfession, Geschlecht, Familienstand und Alter aus. Dem Anlass entsprechend waren sie reich geschmückt oder ganz bewusst schlicht gehalten. „Trachten stellen aber auch die Identität der Menschen mit ihrer Heimatregion dar“, betont Julia Dummer. Gerade deshalb dürften Trachten nach Ansicht der Textil- und Leder-Restauratorin der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) nicht in Vergessenheit geraten. Um das zu verhindern, arbeiten Julia Dummer und ihre Kolleginnen seit inzwischen fast zwei Jahren Trachten und Trachtenteile aus Nord- und Mittelhessen auf, um sie in einer neuen Schau präsentieren zu können. Die Stoffe sind extrem empfindlich gegenüber Licht und Temperaturschwankungen. Zunächst gilt es, die bereits seit Jahrzehnten im Depot bewahrten Röcke, Hemden, Mieder, Strümpfe, Schuhe, Tücher und Kopfbedeckungen zu einer kompletten Tracht zusammenzustellen. Das stellt oft eine Herausforderung dar (Bericht unten).

31 Figurinen geplant

Ende November muss die Arbeit der Restauratorinnen fertig sein, denn dann öffnet das Hessische Landesmuseum wieder. In der neuen Dauerausstellung sollen 31 Trachten auf Figurinen - das sind kopflose Hohlkörpermodelle - ausgestellt werden. Erstmals nach dem Krieg werden die Trachten aus Nord- und Mittelhessen damit wieder in Kassel zu sehen sein. Darunter sind die bekannten Trachten der Schwalm und des Marburger Hinterlandes, aber auch weniger bekannte Stücke wie die einstige Edertaler Tracht. Geplant sind Figurinen, die 21 Frauen, acht Männer und zwei Kinder in kompletter Tracht zeigen, sagt Julia Dummer. Einzelteile sollen in Vitrinen zu sehen sein.

Für die Präsentation der Trachten ist im Landesmuseum ein eigener Raum in der neuen Abteilung der Volkskunde-Sammlung vorgesehen. Die Trachten setzen sich nach Angaben der Museumslandschaft aus etwa 350 Einzelteilen und 130 Einzelobjekten zusammen, die über Jahrzehnte in Kartons und Schubladen im Depot bewahrt wurden.

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In der Ausstellung wird es eine regionale und eine chronologische Ordnung geben. Julia Dummer und ihre Kolleginnen freuen sich, dass die Stücke nach so vielen Jahren bald wieder der Öffentlichkeit zugänglich sind. Aber nur etwa ein Achtel des Gesamtbestandes werde in der neuen Ausstellung zu sehen sein. Aufgabe der Museumslandschaft sei es ja auch, die Trachten als Teil der Volkskunde-Sammlung zusammenzutragen und zu bewahren.

Viele ältere Stücke seien dabei, das sei die Besonderheit der MHK-Sammlung, meint Julia Dummer. Nur vereinzelt sind in den vergangenen Jahren noch weitere Trachten aus Privatbesitz hinzugekommen. Deshalb würden sich die Restauratorinnen über weitere Stücke freuen - zum Beispiel von der Edertaler Tracht, die damals von der Marburger so schnell verdrängt worden sei.

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„Oft steckt der Teufel im Detail“

Schwierige Rekonstruktion der Trachten

Unser Foto zeigt Restauratorinnen der Museumslandschaft mit den Figurinen von Trachten aus Nord- und Mittelhessen. Weitere Infos siehe im Artikel.

Viele Jahre sind die Trachten und Trachtenteile in Kartons und Schubladen des MHK-Depots bewahrt worden. Die Zusammenstellung für die Dauerausstellung im Landesmuseum war eine echte Herausforderung und teils sehr schwierige Aufgabe, berichtet Restauratorin Julia Dummer. Denn oft steckt der Teufel nach Angaben der Expertinnen im Detail: Zu welcher Tracht gehört jene Schleife, zu welcher Tracht jener Knopf?

Schon 1913 wurden im Landesmuseum Volkstrachten ausgestellt, die dort zusammengetragen worden waren. Davon gibt es heute noch Fotografien der Figurinen und alte Inventarblätter. Doch sind viele Kleidungsstücke im Laufe der Jahre durch Umzug, Umlagerung und die Wirren zweier Weltkriege durcheinandergeraten, zerstört worden oder verloren gegangen.

Zur Rekonstruktion der Trachten und Einzelteile wurden daher weitere Quellen herangezogen. Mithilfe historischer Fotografien, der alten Inventarkarten aus dem Museum und aktueller Fachliteratur gelang es Dr. Martina Lüdicke, Leiterin der Abteilung Volkskunde, und der Textilrestauratorin Dummer, die Trachten zu rekonstruieren und für die Ausstellung vorzubereiten.

Die Trachten auf dem Foto (von links nach rechts):

  • Niederhessische Spitzbetzeltracht: Sie stammt aus der Zeit Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts und wurde im Kasseler Raum getragen. 
  • Schwälmer Tracht: Leonie Korte mit einer Tracht aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für verheiratete Frauen. 
  • Evangelische Marburger Tracht: Kerstin Heitmann mit Tracht für Sonn- und Feiertage, Ende 19. oder Anfang 20. Jahrhundert. 
  • Schneppekappentracht: Julia Dummer mit Tracht aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Marburger Hinterland. 
  • Dellmutschentracht: Jasmin Hiske mit Tracht für junge Frauen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Marburger Hinterland.

Hintergrund: Größte Sammlung für Volkskunde

Die Sammlung Volkskunde der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) gilt als größte hessische Volkskunde-Sammlung mit Schwerpunkten in den Bereichen Tracht, vorindustrielle Arbeit, Wohnen und Spielzeug. Über Jahrzehnte war die Sammlung komplett magaziniert, weil aus Platzgründen keine Ausstellungsräume zur Verfügung standen. In der neuen Dauerausstellung des Museums wird die Sammlung laut MHK endlich öffentlich zu sehen sein. Auf mehr als 1000 Quadratmetern soll sie den Blick auf die hessische Landes- und Kulturgeschichte werfen - von Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

Links

Das Hessische Landesmuseum im HNA-Lexikon

Blog des Landesmuseums in Kassel

Die Geschichte der Sammlung beginnt mit Eröffnung des Landesmuseums 1913. Ansätze liegen laut MHK bereits im späten 19. Jahrhundert, als das Nationalbewusstsein des Bürgertums zu einer Besinnung auf die kulturellen Werte des eigenen Volkes führte. Gesammelt wurden hessische Möbel- und Haushaltsgeräte, handwerkliche Erzeugnisse wie Töpferei- und Schmiedeprodukte, Trachten und landwirtschaftliches Gerät.

Grabsteine im Hessischen Landesmuseum

Maden und Perltapete - Wie Restauratoren arbeiten (Video vom 16.10.2009)

Ihre Arbeit pendelt zwischen Handwerk und Kunst: Restauratoren kümmern sich um den Erhalt und das Wiederherstellen von Kunst- und Kulturgütern. Ein Besuch im Hessischen Landesmuseum in Kassel.

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