Die neue Sprayer-Generation: Graffiti-Kurs für Senioren in Kassel

Spaß beim Älterwerden: Dagmar Wichmann-Schulte (65) sprüht den Schriftzug „Grow old“ in der Unterführung am Holländischen Platz. Foto: Schachtschneider

Kassel. In der Unterführung am Holländischen Platz liegt der stechende Geruch von Farbe. Das Zischen der Sprühdosen ist zu hören. An der Wand steht Celestin Konrad und beäugt kritisch sein erstes Wandbild.

Der 71-Jährige gehört zu den Teilnehmer des ersten Graffiti-Kurses für Senioren, den das Kasseler Freiwiligenzentrum organisiert hat. „Ich wollte das schon lange mal machen", sagt der Rentner.

Mit Pinsel und Farbe hat der kunstinteressierte Kasseler schon Erfahrung. An der Sprühdose hat er sich bislang noch nicht erprobt. „Da steckt viel Technik dahinter“, sagt Konrad, der früher als Konstrukteur bei AEG gearbeitet hat. Die Druck auf die Düse und die Haltung der Dose erfordere Fingerspitzengefühl. Der 71-Jährige hat sich eine Hornisse als Motiv ausgesucht. „Ich bin Hobbyimker“, sagt der gebürtige Schweizer und lächelt.

Kursleiter Marcel de Medeiros ist begeistert von seinen betagten Schützlingen. „Das funktioniert wahnsinnig gut“, sagt der 33-jährige Graffiti-Künstler. Er ist Mitbegründer der Initiative Raum für urbane Experimente, die seit drei Jahren die Unterführungen am Weinberg und am Holländischen Platz mit Graffiti gestaltet. Die zwölf Kursteilnehmer seien hochmotiviert, sagt de Medeiros. Es sei dasselbe wie bei Kursen mit Jugendlichen: Er sei noch dabei etwas zu erklären, da gehe schon das „Pss-Pss“ der Sprühdosen los: „Die Leute wollen immer gleich loslegen.“

Auch Dagmar Wichmann-Schulte ist begeistert von dem Kurs. Die Ärztin aus Grebenstein, die vor ihrem Ruhestand in Kassel praktiziert hat, ist viel auf Reisen und sieht in Bahnhofen viele Graffiti. „Ich finde das gut“, sagt die 65-Jährige, die sich genauso für sakrale Kunst in Kirchen interessiert. Im Kurs hat Wichmann-Schulte eine Schablone mit den Schriftzügen „grow“ und „old“ angefertigt. Sie setzt den Mundschutz auf, klappt die Lesebrille herunter und hinterlässt ihr künstlerisches Zeichen auf der Wand. Das Englische „grow old“ für Älterwerden gefalle ihr, sagt die Seniorin. Grow bedeutet auch wachsen. „Das klingt nicht so passiv“, sagt die Seniorin, die alles andere als gebrechlich wirkt. Sie überlegt jetzt, auch ihr Zuhause zu verschönern. „Ich habe einen Bauwagen im Garten, einen Enkel und weiß jetzt wie’s geht“, sagt die 65-Jährige.

Einige ihrer Mitstreiter knien unterdessen auf dem Boden, um auch die letzten Ecken der Wand für ihre Graffiti auszunutzen. „Ich glaube der mit den größten Rückenbeschwerden bin ich“, sagt Kursleiter Marcel de Medeiros und lacht. Die Sprayer-Generation Ü60 ist angetreten.

Erster Graffiti-Kurs für Senioren in Kassel

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