Zu Besuch bei der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit

Bereitschaftspolizei in Kassel: Trainieren für den Ernstfall

Training für das Stadion: Die Beamten proben die Festnahme von gewaltbereiten Fußballfans.

Kassel. Ob bei Pegida in Dresden, beim G7-Gipfel in Bayern oder bei Demos in Nord- und Osthessen: Die Einsätze der Bereitschaftspolizei aus Niederzwehren sind vielfältig. In einer Serie stellen wir die Arbeit der BePo vor. Heute geht es um die Fortbildung der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE).

Es ist vergleichbar mit dem Training von Spitzensportlern oder Artisten im Zirkus: Die Beamten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE 48) der Bereitschaftspolizei müssen immer wieder ihre Fertigkeiten üben, um für den Dienst fit zu bleiben. Jeden Monat streben die Beamten deshalb eine Aus- und Fortbildungswoche, mit theoretischen und praktischen Einheiten an.

Neue rechtliche Rahmenbedingungen und Anweisungen durch den Dienstherrn stehen in der Theorie auf dem Stundenplan. Dort werden zum Beispiel aber auch Entwicklungen in der Rockerszene thematisiert, sagt Mario Ley, stellvertretender Leiter der BFE am Standort in Niederzwehren. „Welche aktuellen Probleme gibt es zwischen Hells Angels und Banditos, welche Rolle spielen die Osmanen.“ Wenn die Beamten einen Einsatz im Rocker-Milieu haben, müssten sie schließlich wissen, mit was für einer Gruppierung sie es zu tun haben.

Für geschlossene Einsätze, dazu gehören Demonstrationen und Fußballspiele, müssen die rund 50 Beamten der Kasseler Einheit aber auch immer wieder bestimmte Festnahmetechniken trainieren.

Menschen, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, entwickelten durch das freigesetzte Adrenalin im Körper enorme Kräfte, wenn sie Widerstand gegen die Beamten leisteten, sagt Carsten Sommerfeld, Einheitsführer der BFE. Als die Beamten einen Einsatz bei einem Fußballspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Braunschweig im Februar 2014 hatten, hätten fünf Männer einen randalierenden Stadionbesucher bändigen müssen, weil dieser sich bei der Festnahme so gewehrt habe. „Das sieht dann für Außenstehende spektakulär aus“, sagt Sommerfeld. Gaffer, die bei den Einsätzen zum Problem werden könnten, würden solche Szenen auch gern mit dem Handy filmen.

Bei Demonstrationen, bei denen sich beispielsweise Kurden und Türken gegenseitig attackiert hätten, seien die Beamten auch schon öfters mit Personen konfrontiert, die aus dem Türstehermilieu stammten. Von daher sei es wichtig, dass sie die Techniken immer wieder trainierten, um im Dienst fit zu sein.

Im Fußballstadion sei es in der Regel so, dass gewaltbereite Anhänger nie alleine agierten, so Sommerfeld. Sie hätten immer Kumpel dabei, die ihnen zur Seite stünden. Bei solchen Situationen sei es sehr wichtig, dass die Beamten sich vorher darüber verständigten, wer für die Festnahme welcher Personen zuständig sei. Kommunikation hat bei der Einheit oberste Priorität.

Solche Szenarien trainieren die Beamten auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei in Niederzwehren, bei jeder Witterung. Dabei tragen die Männer und Frauen auch volle Montur. Allein die Körperschutzausstattung, die die Beamten bei Demos tragen, wiegt mit Helm und Waffe 17 Kilogramm.

Bereitschaftspolizei übt den Einsatz gegen Hooligans

Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich war geplant, die BFE im Rahmen dieser Serie zu einem Einsatz bei einem Fußballspiel zu begleiten. Allerdings gibt es einen Erlass des hessischen Innenministeriums, der es Journalisten verbietet, Beamte bei solch geschlossenen Einsätzen zu begleiten. Mit diesem Teil ist die Serie abgeschlossen. 

Hintergrund: Der Schlagstock schützt Polizisten beim Einsatz

Der Umgang mit dem Mehrzweckeinsatzstock (MES) wird regelmäßig von den Beamten der BFE trainiert. Der MES gehört zu den wichtigsten Führungs- und Einsatzmitteln der Polizei und wird primär zum Schutz bei Festnahmen von Gewalttätigen sowie zur Distanzgewinnung eingesetzt.

Der Schlagstock ist rechtlich eine Waffe und darf von den Beamten grundsätzlich nur bei „geschlossenen Einsätzen“ (etwa Demos) getragen werden. Der Stock mit Quergriff, der den gesamten Unterarm abdeckt, ist aus Polycarbonat (Hartkunststoff) und relativ leicht. Der Schlagstock wird zum Schutz der Beamten sowie zum Abdrängen und zum Angriff eingesetzt. Mit dem MES könne man auch Stein- und Flaschenwürfe abwehren, sagt Torben Habermas, Ausbilder für den MES. Durch die Hebeltechnik sei es auch möglich, den Stock bei Festnahmen einzusetzen.

Zudem kann der Stock als Hebelwerkzeug zum Öffnen von verklemmten Fahrzeugtüren nach Unfällen oder zum schnellen Einschlagen von Scheiben eingesetzt werden.

Hintergrund: Sexualstraftäter werden observiert

Zu den Aufgaben der Beamten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) gehört auch die Überwachung rückfallgefährdeter Sexualstraftäter, sagt Einheitsführer Carsten Sommerfeld. Dabei handele es sich nicht zwingend um eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung, sondern manchmal auch nur um eine temporäre Observation, von der die Betroffenen nichts wüssten. Die entlassenen Sexualstraftäter würden nur darüber informiert, dass sie observiert werden können.

Die Beamten der BFE müssen bei der Aus- und Fortbildung immer wieder auffrischen, wie sie zu Fuß und im Fahrzeug verdächtige Personen observieren, ohne bemerkt zu werden. Dabei können auch durchaus andere Fortbewegungsmittel, wie beispielsweise Fahrräder, zum Einsatz kommen, so Sommerfeld.

Hintergrund: Vorstufe der Spezialeinheit

Zur Kasseler Einheit 48 (die 4 steht für den Standort Kassel, die 8 für BFE) gehören cirka 50 Beamte, darunter vier Frauen. Bei der BFE handelt es sich um keine Spezialeinheit, sondern um eine Vorstufe davon. Viele Beamte wechseln später von der BFE zum Spezialeinsatzkommando (SEK) oder zum Mobilen Einsatzkommando (MEK). Wer zur BFE will, muss besonders sportlich, stressresistent, aufmerksam und aufnahmefähig sein. Die BFE gehört zur Bereitschaftspolizei in Kassel.

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