Sportlich, flexibel und teamfähig

Die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit kommt, wenn es brenzlig wird

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Einsatz in Köln: Die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) im Oktober vergangenen Jahres bei einer Hogesa-Demo (Hooligans gegen Salafisten) auf der Domplatte. Dass es sich um Beamte der BFE aus Kassel handelt, erkennt man an der Rückennummer 48. Die 4 steht für die Abteilung in Niederzwehren und die 8 für die BFE.

Kassel. Ob bei Pegida in Dresden oder bei Demos in Nord- und Osthessen: Die Einsätze der Bereitschaftspolizei aus Niederzwehren sind vielfältig. In einer Serie stellen wir sie vor. Heute geht es um die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit.

„Die Leute kennen uns. Ob Hooligans beim Fußball oder die linke Szene bei Demonstrationen. Mit uns wollen Störer in der Regel nichts zu tun haben“, sagt Mario Ley. Er ist stellvertretender Leiter der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) der Bereitschaftspolizei in Kassel. Denn die BFE-Beamten sind auf Festnahmen von gewaltbereiten Demonstranten spezialisiert. Überall, wo es brenzlig werden könnte, werden sie eingesetzt. Bundesweit.

„Bei der BFE handelt es sich um keine Spezialeinheit, sondern um eine Vorstufe davon“, sagt Ley. Viele Kollegen wechselten später von der BFE zum Spezialeinsatzkommando (SEK) oder zum Mobilen Einsatzkommando (MEK).

Wer zur BFE will, müsse besonders sportlich, stressresistent, aufmerksam und aufnahmefähig sein. Und man müsse ein dickes Fell haben und dürfe sich von seinem Gegenüber nicht provozieren lassen. Der Erfolg der Einheit hänge besonders von der Teamfähigkeit ab, sagt Ley. „Wir sind kein bunter Haufen, sondern eine sehr gut eingespielte Mannschaft.“

4 steht für Standort Kassel

Zur Kasseler Einheit BFE 48 (die 4 steht für den Standort Kassel, die 8 für BFE) gehören 50 Beamte, darunter vier Frauen. Am vergangenen Wochenende war die Einheit mit 32 Leuten zum Beispiel in München. Dort hatte die Alternative für Deutschland (AfD) zu einer Veranstaltung eingeladen. Verschiedene Gegendemonstrationen waren angekündigt. Ebenso war die Einheit im vergangenen Herbst bei der Hogesa-Kundgebung in Köln im Einsatz. Derzeit wird die Einheit auch oft wegen Demonstrationen, bei denen Kurden und Türken aufeinandertreffen können, angefordert.

Zum Aufgabenbereich gehört auch Personenschutz, sagt Einheitsführer Carsten Sommerfeld. Ob nun beim Hessentag in Hofgeismar, wenn der Innenminister kommt, oder beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim politischen Aschermittwoch in Volkmarsen.

Die BFE-Beamten werden zudem bei Risikospielen im Fußball angefordert und bei Razzien im Rocker- und Rotlichtmilieu zur Bekämpfung des Menschenhandels, der verbotenen Prostitution und der organisierten Kriminalität eingesetzt. Sie begleiten Gefangenentransporte mit besonderer Gefährdung. Sie werden zum Zeugenschutz im Landgericht angefordert, wenn dort Verhandlungen mit Brisanz stattfinden. Ein weiteres Aufgabenfeld ist die Observation von rückfallgefährdeten Sexualstraftätern, die aus der Haft entlassen worden sind.

Schleierfahndungen

Die BFE-Einheit kommt nicht von selbst, sondern muss von den Polizeipräsidien immer angefordert werden. „Die Aufträge nehmen eher zu. Unser Tätigkeitsfeld wird größer“, sagt Sommerfeld. Nach den Terroranschlägen in Brüssel sind die Beamten auch wieder verstärkt bei Schleierfahndungen (verdachtsunabhängige Kontrollen auf Autobahnen und Straßen mit viel Verkehr) eingesetzt worden. Die finden aber eher in Südhessen statt. Die BFE ist derzeit auch an einem Konzept des Innenministeriums zur Terrorbekämpfung beteiligt, sagt Sommerfeld.

Auslöser Demos gegen Startbahn West

Die Bereitschaftspolizei der Hessischen Polizei verfügt über vier Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten, die bei den Bereitschaftspolizeiabteilungen Wiesbaden, Lich, Mühlheim am Main und Kassel stationiert sind. Des Weiteren ist beim Polizeipräsidium Frankfurt am Main eine BFE angegliedert.

Die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit Frankfurt wurde 1987 anlässlich der gewalttätigen Demonstrationen gegen die sogenannte „Startbahn 18 West“ gegründet.

Damals habe es viele Festnahmen von gewalttätigen Demonstranten, aber kaum Verurteilungen gegeben, weil viele Taten nicht nachweisbar gewesen wären, sagt Mario Ley, stellvertretender Einheitsführer der BFE in Kassel.

Kein Job für Einzelgänger

Der G 7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern sei im Juni 2015 eine große Herausforderung gewesen, sagt Mario Ley, stellvertretender Einheitsführer der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) der Bereitschaftspolizei in Kassel. Damals waren die Beamten 13 Tage am Stück im Einsatz, um im Umfeld des Gipfels für Sicherheit zu sorgen. „Das ist schon eine große Belastung für die Familien.“

Die 32-jährige Polizeioberkommissarin Denise S. gehört zu den vier Frauen, die bei der BFE in Kassel arbeiten. Die Mutter eines zweijährigen Sohnes hat zwar nur eine halbe Stelle bei der Einheit, muss aber dennoch sehr flexibel sein. „Wir leben von Woche zu Woche“, sagt sie über ihre Einsätze. „Da muss die Familie mitspielen. Ohne Oma und Opa, die ständig auf Abruf sind, geht bei uns gar nichts“, sagt S., deren Mann ebenfalls bei der BFE ist. Abgesehen davon, dass die Beamten an den meisten Wochenenden Dienst haben, wissen sie auch nicht, wann ein Einsatz beendet ist. Mit den Kollegen ist man mitunter öfter zusammen als mit der Familie. „Das ist nichts für Einzelgänger“, sagt S.

Wer bei der BFE arbeitet, braucht Freunde, die Absagen akzeptieren. „Für uns ist es schwierig, Beziehungen zu pflegen“, sagt die Polizeioberkommissarin.

Eine von vier Frauen bei der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit in Niederzwehren: Die 32-jährige Polizeioberkommissarin Denise S.

Denise S. war nach dem Studium zunächst bei der Einsatzeinheit derBereitschaftspolizei. Da ihr Mann bei der BFE andere Dienstzeiten hatte, sahen sich die beiden so gut wie nie. Das war aber nur ein Grund für sie, um sich ebenfalls für die BFE zu bewerben. Denise S. reizte auch die Herausforderung, die Aufnahmeprüfung bei der Einheit zu bestehen. „Man muss sportlich schon viel machen. Ab und an mal laufen reicht da nicht.“

Allein die Körperschutzausstattung, die die Beamten bei Demos tragen, wiegt mit Helm und Waffe 17 Kilogramm. Es komme vor, dass man die Ausrüstung bis zu zwölf Stunden anhabe, sagt Ley. Einige Beamte haben dann noch eine Videokamera dabei, um Festnahmen zu filmen. Damit soll eine geschlossene Beweissicherungskette gewährleistet werden.

Die Aufgaben bei der BFE sind unterschiedlich. Bei einer Razzia in einem Bordell gehen zum Beispiel eher zwei große Männer vornweg. Aber auch Frauen seien für die Einheit sehr wichtig. „Ohne die hätten wir mehr Probleme“, sagt Einheitsführer Carsten Sommerfeld. Verdächtige Frauen dürfen nur von Beamtinnen durchsucht werden. Zudem seien Polizistinnen unauffälliger bei Observationen.

Denise S. hat darüber hinaus die Erfahrung gemacht, dass sie es als Frau leichter hat, mit Hooligans bei Fußballspielen ins Gespräch zu kommen. „Als Frau kann man manchmal besser deeskalieren.“

Ein Umstand macht aber allen zu schaffen: Die Gewaltbereitschaft habe massiv zugenommen, sagt Sommerfeld. Im vergangenen Jahr seien fünf Polizisten im Dienst verletzt worden. So schwer, dass sie länger als eine Woche krankgeschrieben werden mussten.

Den gewaltbereiten Menschen etwas entgegenzusetzen, für ein Stück Gerechtigkeit und Sicherheit zu sorgen, sei allerdings Motivation genug für den Job, sagt Sommerfeld. „Leidenschaft gehört auch dazu.“

Die Aus- und Fortbildung

Jeder Polizeibeamte kann sich für die BFE bewerben. Zunächst gibt es ein Vorauswahlverfahren, bei dem die Leistungsfähigkeit (da geht es um Sportlichkeit, soziale Kompetenz und Psychologie) getestet wird. Polizisten, die diese Vorauswahl bestanden haben, werden dann zur circa fünfwöchigen Spezialgrundausbildung (SGA) nach Wiesbaden geschickt. Wer dort die Abschlussprüfung besteht, kann anschließend zur BFE gehen.

Dort bekommen die Beamten dann noch eine zwölftägige Zivilausbildung. Dabei geht es vor allen Dingen um die Observation von Personen.

Zudem steht für alle Beamte alle vier Wochen eine Aus- und Fortbildungswoche mit einem Sportangebot auf dem Dienstplan. Durch aktuelle Einsätze könne diese Weiterbildung aber gestrichen werden, sagt Einheitsführer Carsten Sommerfeld. Von daher sei es wichtig, dass die BFE-Beamten auch in ihrer Freizeit viel Sport machten, um diesen Wegfall zu kompensieren.

In der nächsten Folge berichten wir über den Einsatz der BFE am 30. April bei dem Bundesliga-Fußballspiel zwischen Darmstadt 98 und Eintracht Frankfurt.

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