Kriminalhauptkommissar, der Mordkommission leitete, äußert sich

Interview zur Kritik an Ermittlungen im Fall Yozgat: „Wir haben alles unternommen“

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Kritisiert die Ermittlungsbehörden: Barbara John, Ombudsfraue der Bundesregierung, sprach am Mittwoch bei der Gedenkfeier für Halit Yozgat. Rechts neben ihr steht Tarek Al-Wazir, vorne rechts sitzt Ismail Yozgat.

Kassel. Bei der Gedenkfeier für Halit Yozgat und die weiteren Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) kritisierten am Mittwoch mehrere Redner die Arbeit der Ermittlungsbehörden in dieser Mordserie.

Unter den 450 Gästen der Gedenkfeier war auch Kriminalhauptkommissar Helmut Wetzel, der ab 2006 die Mordkommission MK Café leitete, die nach dem Mord an Halit Yozgat gegründet worden war. Wir sprachen mit ihm über diese Kritik.

Über Barbara John, die Ombudsfrau der Bundesregierung, müssen Sie sich doch ziemlich geärgert haben. Sie sagte, dass es glücklicherweise mittlerweile auch kritische Polizisten gebe, die an der Aufklärung der NSU-Mordserie Interesse hätten. 

Helmut Wetzel: Ich habe Barbara John anschließend darauf angesprochen und ihr gesagt, dass ich mich über ihre Kritik früher geärgert habe. Als 2011 herauskam, dass vermutlich der NSU für die Serie verantwortlich ist und die Kritik an den Ermittlern begann, habe ich das zunächst sehr persönlich genommen. Mittlerweile empfinde ich das als pauschalen Vorwurf an alle Ermittlungsbehörden, die daran beteiligt waren. Ich fühle mich nicht angesprochen, weil ich weiß, dass wir in Kassel alles unternommen haben, was damals möglich war, um den Mord aufzuklären.

Tarek Al-Wazir, der stellvertretende Ministerpräsident Hessens, hat der Polizei vorgeworfen, die Angehörigen überwacht und mit der Mafia und Drogen in Verbindung gebracht zu haben. Was sagen Sie dazu? 

Wetzel: Es wurde immer wieder behauptet, wir hätten gegen die Familie ermittelt. Das stimmt aber einfach nicht. Es gab nie ein Ermittlungsverfahren gegen einen Angehörigen von Halit Yozgat.

Aber Sie haben doch sicher auch sein Umfeld unter die Lupe genommen?

Wetzel: Damals meldeten sich mehrere Zeugen, darunter auch türkischstämmige, die behaupteten, dass Halit in kriminelle Sachen verwickelt gewesen wäre. Ein Zeuge hat auch ausgesagt, dass Halit bedroht worden sei. Ich bin heute froh darüber, dass wir diese Hinweise alle penibel abgearbeitet haben. An keinem Vorwurf gegen Halit war nämlich etwas dran, so dass kein Schatten mehr auf seine Person fallen kann. Was wäre denn gewesen, wenn später herausgekommen wäre, dass wir diesen Hinweisen nicht nachgegangen sind?

Bei Mordermittlungen wird doch immer die Familie näher angeschaut. 

Wetzel: Wir wissen ja, dass ein Großteil aller Tötungsdelikte Beziehungstaten sind. Im Fall von Halit Yozgat gab es auch einen Hinweis auf einen jungen Mann aus Baunatal, der der Täter hätte sein können. Es gab deshalb in der Nacht nach dem Mord einen SEK-Einsatz. Später stellte sich heraus, dass an diesen Vorwürfen nichts dran war.

Was für ein Verhältnis haben Sie zur Familie Yozgat? 

Wetzel: Wir haben bis heute einen sehr engen Kontakt. Von 2006 bis zur Entdeckung des NSU in 2011 hat sich doch niemand um die Opfer gekümmert. Außer der Polizei. Wenn es Fragen gab, dann sind sie zu uns gekommen.

Stadträtin Anne Janz wies am Mittwoch daraufhin, dass die Kasseler Polizei bereits 2006 auch in Richtung Rechtsextremismus ermittelt hat. 

Der Tatort an der Holländischen Straße: Die Polizei sperrte das Internetcafe nach dem Mord am 6. April 2006 weiträumig ab.

Wetzel: Nach den Fällen von Dortmund und Kassel wurde damals eine neue Fallanalyse in Auftrag gegeben. Die kam zu dem Ergebnis, dass nicht die Organisierte Kriminalität hinter der Serie stecken muss, sondern dass dies durchaus auch ein Einzeltäter oder eine kleine Gruppe, deren Motiv Fremdenhass ist, sein könnte. Wir haben aber nicht tatsächlich gedacht, dass jemand, der aus politischen Gründen tötet, sich nicht bekennt. Erst nach den Taten des NSU wird von Wissenschaftlern auch gesagt, dass es für rechtsradikale Täter typisch ist, sich nicht zu bekennen, um noch mehr Angst zu säen.

Von den NSU-Tätern sollen mindestens zehn Menschen getötet worden sein. Was macht gerade den Fall Halit Yozgat so besonders? 

Wetzel: Es war der letzte Fall, bei dem ein Türke getötet wurde. Warum haben die Täter danach aufgehört? Zudem war es der einzige Tatort, an dem sechs Unbeteiligte anwesend waren. Große Besonderheit: Einer davon ist ein Beamter des Verfassungsschutzes gewesen.

Sie sprechen von dem früheren Verfassungsschützer Andreas Temme, dessen Rolle bis heute Raum für zahlreiche Spekulationen gibt. 

Wetzel: Das Ermittlungsverfahren gegen Temme wurde nach seiner Festnahme im April 2006 eröffnet und im Januar 2007 eingestellt. In diesem Zeitraum hat sich eine eigene Arbeitsgruppe innerhalb der MK nur mit Temme beschäftigt. Es wurde nichts gefunden, was den Verdacht gegen ihn erhärtet hätte. Es ist auch Quatsch, dass er an mehreren Tatorten gewesen sein soll, wie einige Medien berichtet haben. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Von daher hat er als unschuldig zu gelten.

Das sehen viele anders. Aber in diesem Fall scheint auch vieles anders zu laufen. 

Wetzel: So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich finde es zum Beispiel sehr schwierig, dass parallel zu dem NSU-Prozess in München ein Dutzend Untersuchungsausschüsse und Kommissionen stattfinden, Reportagen und jetzt noch drei sehr emotionale Filme dazu gezeigt worden sind. Ich frage mich, was für Auswirkungen das auf den Prozess nehmen kann.

Zur Person

Kriminalhauptkommissar Helmut Wetzel (58) leitete die Mordkommission MK Café, die den Mord an Halit Yozgat untersuchte. Er sagte bereits im Hessischen NSU-Untersuchungsausschuss und im NSU-Prozess in München aus. Wetzel wuchs in Frieda (Werra-Meißner-Kreis) auf. 1974 kam er zur Ausbildung zur Polizei nach Kassel, arbeitete anschließend mehrere Jahre in Frankfurt und kehrte 1984 zurück ins Revier nach Waldau. 1991 wechselte er von der Schutz- zur Kriminalpolizei. Als Ermittler begann er ein Jahr später beim K 11, seit 2012 ist er dort der Leiter. Wetzel ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er lebt im Landkreis Kassel.

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