Israelis wollen Kasseler Produkt

Kunden schätzen Bombardier-Loks aus Kassel

Schön anzusehen: Die Schwergewichte aus Kassel. 115 Loks sollen in diesem Jahr im Bombardier-Werk gebaut werden – für die Deutsche Bahn und private Bahnbetreiber. Fotos: Bombardier/nh

Kassel. Das Kasseler Bombardier-Lokwerk befindet sich in einer vergleichsweise komfortablen Situation - gäbe es da nicht die Bestrebungen, den Traditionsstandort zu schließen.

Denn die Auftragsbücher für die nächsten zwei Jahre sind voll, und für die Zeit danach ist zumindest eine Grundauslastung gesichert.

Hauptauftraggeber ist die Deutsche Bahn, die sich eine Option auf 450 Loks des Typs Traxx 3 sowie eine weitere auf 200 Zugmaschinen des Typs Traxx Multi Engine gesichert hat und sie nach und nach ordert. Nach Angaben des Betriebsratsmitglieds Erhard Peter sind bereits gut 170 verbindlich bestellt und zum Teil schon ausgeliefert worden.

Die Traxx 3 verfügt über die sogenannte Last-Mile-Funktion. Mithilfe eines kleinen Verbrennungsmotors kann die E-Lok auch die letzten nicht elektrifizierten Kilometer etwa in Raffinerien, Hafenanlagen und großen Industriekomplexen bewältigen. Umständliche und zeitraubende Lokwechsel am Werkstor entfallen. Die ebenso innovative Multi Engine hat keinen großen Antrieb, sondern vier kleine, intelligente Motoren an den Rädern. Die werden je nach Belastung automatisch zu- oder abgeschaltet, was viel Energie spart und damit die Kosten reduziert und die Umwelt schont.

Das dritte Produkt aus Kassel sind Multisystemloks, die ohne Wechsel in den unterschiedlichen europäischen Netzen mit variierenden Stromarten und -stärken, Frequenzen und Abnehmersystemen verkehren. Außerdem erwarten die Kasseler neben Aufträgen privater Bahnbetreiber den Zuschlag zum Bau von 62 Loks für die Israelische Staatsbahn, die eine Option auf 32 weitere Zugmaschinen hat. Sie sind Teil des Elektrifizierungsprogramms der Israelis. Die Loks müssen mit Blick auf Hitze und Sand hohen Anforderungen genügen.

Eines haben die Produkte aus Kassel gemeinsam. Sie sind technologisch meist sehr anspruchsvoll und erfordern ein hohes Maß an Know-how und Erfahrung. Eine Verlagerung der Fertigung nach Italien sehen viele Bahntechnik-Experten mit großer Skepsis. „Die Italiener können sicherlich gute Loks bauen, aber mit der Komplexität der Zugmaschinen aus Kassel wären sie überfordert“, sagte ein Branchenkenner im Gespräch mit der HNA.

Warum der unlängst geschasste Bombardier-Europa-Chef Dieter John und der ebenfalls ausgeschiedene Lok-Chef Ulrich Jochem die Produktion gegen jegliche betriebswirtschaftliche und technische Vernunft und gegen den Willen der meisten Kunden verlagern wollten, versteht in der Bahntechnik-Branche niemand.

Aber in Kassel ist auch nicht alles eitel Sonnenschein. Es gibt hausgemachte Qualitätsprobleme und solche, die Zulieferer ins Werk tragen. Peter ist aber sicher, dass sie lösbar sind. „Wir werden das schaffen und dem Standort wieder eine Zukunftsperspektive geben“, sagte er kämpferisch.

Hintergrund:  Probleme in beiden Sparten

Der kanadische Flugzeugbauer und Bahntechnik-Hersteller Bombardier ist durch Probleme in beiden Sparten in eine finanzielle Schieflage geraten. Ein Börsengang der Bahntechnik sollte 2015 frisches Geld in die leeren Kassen spülen, aber der scheiterte ebenso wie der Einstieg eines chinesischen Bahntechnik-Konzerns.

Daraufhin eilten Bombardier die Provinz Québec, in deren Hauptstadt Montreal der Konzern seinen Sitz hat, und ein staatlicher Pensionsfonds mit einer Milliardenspritze zu Hilfe. Das Unternehmen hat 2015 mit 74.000 Beschäftigten (davon fast 40.000 in der Bahntechnik) umgerechnet 12,4 Milliarden Euro umgesetzt und vor Zinsen und Steuern (Ebit) 377 Millionen Euro verdient. Allerdings lasten Milliardenabschreibungen in beiden Sparten auf dem Unternehmen. Die Aktie verlor in den vergangenen drei Jahren zwei Drittel an Wert und notiert aktuell um 92 Cent.

Lesen Sie dazu auch:

- Bombardier: Lokwerk-Schließung in Kassel ist vorerst vom Tisch

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.