Neue Einheit am Klinikum Kassel: Schlaganfälle rechtzeitig abfangen

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Blick in die neue Überwachungseinheit: GNH-Vorstand Karsten Honsel, Prof. Dr. Andreas Ferbert, Dr. Klaus Weber und Dr. Florian Heinen zeigten  eines der Patientenbetten.

Kassel. Die Symptome verschwinden meist nach ein paar Minuten wieder. Doch kurzzeitige Durchblutungsstörungen des Gehirns sind ein sehr ernstes Warnsignal, weil sie Vorboten eines Schlaganfalls sein können.

Für Patienten, die eine solche transitorische ischämische Attacke (TIA) erleiden, hat das Klinikum Kassel Anfang Mai in der Zentralen Notaufnahme eine TIA-Einheit mit vier zusätzlichen Betten eingerichtet.

Zehn bis 15 Prozent der TIA-Patienten bekommen innerhalb der nächsten Tage einen Schlaganfall, bis zu 40 Prozent innerhalb von fünf Jahren, erläutert Prof. Dr. Andreas Ferbert, Direktor der Klinik für Neurologie. Wenn Patienten in einer Spezialeinheit innerhalb kurzer Zeit behandelt werden, könne man jedoch bis zu 50 Prozent der Patienten davor bewahren, einen Schlaganfall zu bekommen, belegen auch aktuelle, internationale wissenschaftliche Veröffentlichungen.

„Wir schaffen innerhalb kurzer Zeit alle erforderlichen Untersuchungen“, ergänzt der Chefarzt der Zentrale Notaufnahme, Dr. Klaus Weber. Häufig werden Durchblutungsstörungen im Gehirn durch ein kleines Blutgerinnsel hervorgerufen, in vielen Fällen ist eine verengte und verkalkte Halsschlagader die Ursache. Auch bestimmte Herzrhythmusstörungen oder andere Erkrankungen können Auslöser sein.

Da die TIA-Einheit eng mit der Schlaganfallspezialstation (Stroke Unit), aber auch mit Neurochirurgen, Gefäßchirurgen, Neuroradiologen und Herzspezialisten vernetzt ist, könne das Krankenhaus der Maximalversorgung alles an Diagnostik und Behandlung anbieten, was für Patienten mit einem Verdacht auf Schlaganfall beziehungsweise Schlaganfall nötig sei. So können verengte Halsschlagadern operiert oder per Katheter Blutgerinnsel im Gehirn entfernt werden. „Das können nur ganz wenige“, betont der Vorstand der Gesundheit Nordhessen, Karsten Honsel.

Zudem betrete das Klinikum mit der eigenständigen TIA-Einheit und der Möglichkeit einer Beobachtung über 24 Stunden bundesweit Neuland. Um die Rund-um-die-Uhr-Versorgung zu gewährleisten, sei das Personal dafür zunächst um fünf Pflegekräfte und einen Neurologen aufgestockt worden.

Wenn TIA-Patienten unter der Beobachtung und sofort eingeleiteten Behandlung ohne weitere Symptome bleibt, werde er in der Regel nach 24 bis 36 Stunden aus der TIA-Einheit entlassen – mit der Empfehlung für eine medikamentöse Therapie.

Ein solcher Ernstfall kann aber auch anders verlaufen, wie der Fall einer Patientin zeigt: Vier Stunden nach ihrer Einlieferung erlitt sie trotz sofort eingeleiteter Behandlung einen schweren Schlaganfall, der auf der Überwachungsstation sofort erkannt und auf der Stroke Unit weiter behandelt wurde. Dank des schnellen Eingreifens, konnte sie schon nach wenigen Tagen eine Rehabilitation antreten, und sie hat bereits nur noch geringe Sprachdefizite.

Hintergrund TIA

Die Symptome für eine vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns, eine transitorische ischämische Attacke (TIA), ähneln denen eines Schlaganfalls, können allerdings schwächer ausgeprägt sein und verschwinden nach kurzer Zeit, in Sekunden, Minuten oder wenigen Stunden wieder, erläutert Prof. Dr. Andreas Ferbert, Direktor der Klinik für Neurologie am Klinikum. Sehstörungen auf einem Auge, halbseitige Lähmungen einer Gesichtshälfte, Körperhälfte oder Extremität, halbseitige Gefühlsstörungen, motorische Störungen, Sprech- und Sprechstörungen und bestimmte Formen von Schwindel (vor allem mit Doppelbildern) können Vorbotensymptome eines Schlaganfalls sein. Unter Umständen können die Symptome auch auf abgedrückte Nerven oder Mini-Krampfanfälle hinweisen.

Eine TIA ist ein ernstzunehmendes Warnzeichen. Auch wenn die Symptome wieder abgeklungen sind, sollte man deshalb über 112 einen Rettungswagen rufen.

Die Zahl der Patienten mit Schlaganfall und Verdacht auf Schlaganfall steigt stetig. Aus diesem Grund wurden das Leistungsspektrum und die Kapazität für die Versorgung dieser Patienten erweitert. Die Schlaganfall-Spezialstation (Stroke Unit) zählt 17 Betten. Hinzu kamen jetzt vier Betten für die neue TIA-Einheit. Für die TIA-Einheit wurde ein bisher anderweitig genutzter Raum in der Zentralen Notaufnahme umgebaut. Der Umbau kostete etwa 65000 Euro. Allein im Klinikum Kassel wurden im Jahr 2014 1750 Patienten mit Schlaganfällen behandelt. In zehn Jahren könnte jeder 100. Kasseler betroffen sein.

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