Vor 22 Jahren stand das Bombardier-Werk schon einmal vor dem Aus

Protest bei Bombardier: Erinnerungen an Krise von 1994

Kassel. Die 850 Lokbauer bei Bombardier in Kassel befürchten die Verlagerung von großen Teilen der Produktion und die Abwicklung des Standorts. „Das erinnert mich alles an 1994.“

Das sagte Georg Gries während der Protestveranstaltung der Kasseler Lokbauer auf der Holländischen Straße. Der 74-Jährige war lange Jahre Betriebsratsvorsitzender im Bombardier-Werk in Kassel und verhinderte damals mit Werkleitung und heimischer Politik das Aus für den Standort. „Und das wird uns wieder gelingen“, schiebt der Witzenhäuser kämpferisch nach.

Damals allerdings hatte das Traditionswerk nicht eine einzige Zugmaschine in den Orderbüchern. Ganz anders heute: Das Werk ist zumindest für die kommenden Jahre ausgelastet, und die Aussichten für die Zeit danach sind insgesamt gut. Umso verständlicher ist die Wut der 850 Beschäftigten, die um ihre Jobs bangen, und der Region insgesamt, die mit der Schließung des Lokwerks nicht nur einen bedeutenden Arbeitgeber und Steuerzahler, sondern auch ein technologisches Aushängeschild verlöre.

Mit Transparenten und Trillerpfeifen waren die Beschäftigten gestern vor die Werktore gezogen, um gegen die drohende Abwicklung des Standorts zu protestieren „Keine Loks aus Italien“, „Der Lokbau gehört zu Kassel wie der Herkules“ und „Wir brauchen jeden Arbeitsplatz“ war auf den selbst gebastelten Tafeln zu lesen. Unterstützt wurden die stolzen Lokbauer von Kollegen aus dem Mercedes-Benz- und Rheinmetall-Werk sowie von SPD-Landtagsabgeordnetem Wolfgang Decker, der im Namen seiner heimischen Kollegen an der Demonstration teilnahm.

Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, Erhard Peter, und IG-Metall-Chef Oliver Dietzel ließen keinen Zweifel daran, dass der gestrige Protest nur der Auftakt einer Reihe von Aktionen sei. „Werfen sie die Pläne in die Tonne“, forderte Peter das Management in Berlin auf, die beabsichtigte, bislang aber nicht zugegebene Schließung zu überdenken.

Auf Anfrage hieß es bei Bombardier: „Es gibt keinen Schließungsbeschluss. An Gerüchten und Spekulationen beteiligen wird uns nicht. Das gilt auch Standortfragen.“ Wie gewohnt, gibt sich die Konzernspitze äußerst schmallippig – außer unverbindlichen Allgemeinplätzen lässt sie nichts heraus. Nach Informationen der HNA könnte neben den niedrigeren Produktionskosten im italienischen Vado Ligure, vor allem auch eine drohende Rückzahlung von Kurzarbeitergeld an den italienischen Staat der Grund für die geplante Verlagerung der Kassler Produktion an jenen Standort sein. Denn dort wird seit vier Jahren kurz gearbeitet, und wenn das Werk geschlossen würde, müsste Bombardier die staatliche Unterstützung zurücküberweisen.

Branchenkenner sind entsetzt über die Pläne des Managements. „Das ist unglaublich schlecht. Jahrelang wurden Schwächlinge aufgebaut, und die haben jetzt das Sagen“, sagt einer unserer Informanten. Kassel müsse ausbaden, was das Management angezettelt habe: mangelnde Qualität bei zuliefernden Schwesterfirmen, verspätete Materiallieferungen, verärgerte Partner, weil Rechnungen nicht oder zu spät bezahlt wurden. „Das Problem ist das Management, nicht das Werk“, heißt es.

Proteste bei Bombardier

Das sagt Oberbürgermeister Bertram Hilgen

Lokbau hat Zukunft

Der Lokomotivbau hat auch in Zukunft eine Heimat in Kassel, ist Oberbürgermeister Bertram Hilgen überzeugt. „Das Bombardier-Werk ist ein technologisches Aushängeschild des Wirtschaftsstandorts Kassel. Deshalb stehen die Stadt und ihr Oberbürgermeister an der Seite der Beschäftigten, die sich für den Erhalt des Kasseler Werks einsetzen“, so Hilgen. Er erinnerte daran, dass Kassel als wichtigster deutscher Produktionsstandort für Loks gelte: „Spitzentechnik, hochqualifizierte Mitarbeiter und volle Auftragsbücher bestätigen diesen guten Ruf. Die strategisch günstige Lage Kassels in der Mitte Europas sind weitere Standortvorteile, die mich zuversichtlich stimmen, dass Loks made in Kassel auch in den nächsten Jahrzehnten die Werkshallen verlassen werden.“

Das sagen die Abgeordneten

Widerstand

„Die SPD-Abgeordneten der Region Kassel unterstützen die Kolleginnen und Kollegen von Bombardier im Abwehrkampf gegen die offensichtlich geplanten Produktionsverlagerungen. Gleichzeitig kündigen wir politischen Widerstand für den Fall an, dass die Konzernleitung an ihren Verlagerungsabsichten festhält. Eine Produktionsverlagerung und Standortzerschlagung kann und darf nicht kampflos hingenommen werden. Es geht um 170 Jahre Tradition im Kasseler Lokbau und um 800 qualifizierte Arbeitsplätze“.

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Rubriklistenbild: © Foto: Schachtschneider

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