Den Hitlergruß verweigerte er - Stolperstein für  Kasseler Zeugen Jehovas Heinrich Landschneider

Drei Geschwister: Heinrich Ferdinand Landschneider kommt 1895 in Kassel zur Welt. Die Schwestern Sophie (links) und Anna folgen 1897 und 1898. Fotos: privat/nh

Kassel. Standhaft verweigerte er nicht nur den Hitlergruß, sondern auch den Dienst an der Waffe. Sein Aufbegehren gegen das Nazi-Regime und sein Bekenntnis zu seiner pazifistische Treue gegenüber Gott, bezahlte der Kasseler Heinrich Landschneider (1895 - 1941) mit dem Leben. Am Freitag verlegt der Künstler Gunter Demnig vor dem Haus Holländische Straße 55 in der Kasseler Nordstadt für Heinrich Landschneider und seine Frau Emma Stolpersteine.

Nach drei Jahren Haft starb der Zeuge Jehovas Heinrich Landschneider im Alter von 46 Jahren im Gefängnis Frankfurt-Sachsenhausen. Als Todesursache gab die NS-Bürokratie „Folgen chronischen Fleckfiebers sowie Herz- und Kreislaufschwäche“ an. Mithäftlinge haben später seinen bedenklichen gesundheitlichen Zustand beschrieben. Er soll auch misshandelt worden sein.

Heinrich Landschneider war von den Nationalsozialisten wegen „Hochverrats sowie staatsfeindlicher und zersetzender Betätigung“ zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden.

Vorausgegangen war am 12. Dezember 1936 eine deutschlandweite Protestaktion der Zeugen Jehovas, die sich bis 1931 noch „Internationale Bibelforschervereinigung“ nannten. Unter den 3500 Beteiligten waren auch Kasseler, unter anderem Heinrich Landschneider und Ehefrau Emma. Im Schutz der Dunkelheit, zwischen 17 und 19 Uhr, hatten sie Flugblätter verteilt, in denen sie auf die Verbrechen des NS-Regimes aufmerksam machten. Kurz nach Beginn der Aktion begannen Polizei, SA und SS mit ihrer Jagd auf die Beteiligten. Heinrich Landschneider wurde drei Tage später in seiner Wohnung an der Holländischen Straße verhaftet. Es war das letzte Mal, dass Emma ihren Mann sah. Sie selber wurde am 17. Dezember verhaftet. Beide bleiben bis zur Gerichtsverhandlung im Mai 1937 in Kassel in Untersuchungshaft, um dann in getrennten Verhandlungen verurteilt zu werden. Emma wurde am 5. Mai 1937 wegen „hochverräterischer Umtriebe“ mit zwei Jahren Gefängnisstrafe belegt, die sie in Frankfurt-Preungesheim verbüßte. Heinrich erfuhr sein Urteil vom Sondergericht des Oberlandesgerichtsbezirks Kassel am 12. Mai 1937.

Im Protokoll der Urteilsbegründung wird beschrieben, dass Landschneider „keine Bereitschaft zeigte, nach Haftverbüßung seine Überzeugung aufzugeben“. Wie allen anderen in Sachsenhausen befindlichen Zeugen Jehovas wurde ihm in regelmäßigen Abständen eine Verpflichtungserklärung vorgelegt, die zum Ziel hatte, dem „Glauben abzuschwören“ und bereit zu sein, „das Vaterland mit der Waffe in der Hand“ zu verteidigen. Er lehnte ab.

Heinrich Landschneiders Schwester Sophie beschrieb den Bruder später als einen Mann, der „tapfer seinen Weg gegangen ist“. Er habe sich in seiner Überzeugung zu keiner Zeit erschüttern lassen.

Wie ihre Glaubensbrüder und -schwestern standen die Landschneider seit dem Verbot der Religionsgemeinschaft nach der Machtübernahme des NS-Regimes 1933 unter Beobachtung. Repressalien waren an der Tagesordnung. In einer Auflistung des SS-Oberabschnitts Fulda-Werra von 1937 wurden die Daten Dutzender Zeugen Jehovas aus Nordhessen an das Sicherheitshauptamt Berlin gemeldet.

Heinrich Landschneider war am 27. Januar 1895 in Kassel als erstes Kind von Johannes und Friederike Landschneider zur Welt gekommen. Es folgten die Schwestern Sophie (1897) und Anna. (1898). Nach mehreren Wohnungswechseln innerhalb Kassels, zog die Familie 1912 an die Lindenstraße, heute Eschebergstraße, nach Harleshausen. Heinrich war bei der Reichsbahn als Elektromonteur angestellt. Nach einer geschiedenen Ehe heiratete er 1922 Emilie Breithaupt. Das Paar zog an die Frankfurter Straße 117, 1925 an die Holländische Str. 51, später 55.

Am Freitag, 22. Juli 2016, werden um 12 Uhr an der Holländischen Straße 55 die Stolpersteine für Emma und Heinrich Landschneider gelegt. Anwesend sein werden auch Angehörigen aus den USA. So ist der Neffe der Landschneiders, Ernst Richard Matthiensen mit weiteren Familienmitgliedern aus Boston angereist.

Zum ersten Mal lädt der Verein „Stolpersteine in Kassel“ zuvor für 11 Uhr ins Stadtmuseum am Ständeplatz ein, „auch weil an der Holländischen sehr starker Verkehrslärm ist“, sagt der Vereinsvorsitzende Jochen Boczkowski. Im Museum wird Wilfried Siegner von den Kasseler Zeugen Jehovas das Verfolgungsschicksal des Ehepaars Landschneider darstellen. Die kurze Feierstunde wird mit Querflöte und Gitarre begleitet.

Der Verein Stolpersteine in Kassel wurde im Mai 2012 gegründet. Insgesamt sind im Stadtgebiet bis heute 118 Stolpersteine für NS-Opfer verlegt worden.

Seit 1996 verlegt der Künstler Gunter Demnig aus Köln sogenannte Stolpersteine für die Opfer der Nazi-Herrschaft. Auf einem Stein mit einer Messingtafel auf der Oberseite werden die Namen derjenigen eingraviert, die in dem Haus, vor dem der Stein liegt, vor der Vertreibung, Verschleppung, Ermordung gelebt haben. Mittlerweile gibt es über 56 000 Steine nicht nur in Deutschland.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.