Chronologie eines ungewöhnlichen Tages

Systemausfall bei der HNA: Notausgabe auf den letzten Drücker

22 Uhr, die Notausgabe steht.: Martina Hummel, stellv. Leiterin Politikredaktion, und die Redakteure Peter Klebe (links) und Max Holscher hatten eine Notredaktion bei der Waldeckischen Landeszeitung (Korbach) eingerichtet. Foto: nh

Kassel. Die Seiten sind geplant, die Redakteure recherchieren und schreiben ihre Berichte für die aktuelle Ausgabe. Es ist 15 Uhr und alle befinden sich in der Hochphase ihrer Produktion – was daran abzulesen ist, dass kaum mehr geredet wird.

Doch das System spielt an diesem Tag nicht mit. Auf einmal geht nichts mehr. Kein Zugriff auf Artikel oder Seiten, auch nicht auf das Email-Postfach.

Die ganze Nordgruppe des Ippen-Verlags ist betroffen: die Offenbach Post, die Kreiszeitung Syke, der Westfälische Anzeiger und viele andere. Ein Systemausfall kommt zwar gelegentlich vor, wird aber meist schnell behoben. An diesem Montag, dem 9. Mai, ist es jedoch anders. Aus Lockerheit wird Stress

Die erste Stunde vergeht. Zeit, sich mit den Kollegen intensiv auszutauschen: über Fußball, Ideen für Recherchen, die Qualität des Kaffees aus dem Automaten im Flur. Noch bleibt Zeit. Die ersten Ausgaben bei der HNA müssen normalerweise um 20.30 Uhr fertig sein und elektronisch an das Druckhaus geschickt werden. Noch bricht kein Stress aus. Aus der Technik heißt es bisher nur: Hardware-Problem. Was auch immer das heißen mag.

Als alle Hochs und Tiefs des Lieblingsvereins diskutiert sind und der dritte Espresso den Puls ohnehin schon höher schlagen lässt, bricht langsam Unruhe aus. Es ist 18 Uhr. Eine Zeit, in der die meisten Lokalausgaben normalerweise fertig produziert sind. Immer noch keine Neuigkeiten, wann wieder gearbeitet werden kann. Die ersten sagen das Abendessen mit Frau und Kindern ab. Chefredakteure, Geschäftsführer und die zuständigen Fachabteilungen treffen sich zum Krisengespräch.

Der Notfallplan

Um 19 Uhr funktioniert das System immer noch nicht nicht. Keine Redaktion, ob Lokales, Sport, Politik oder Kultur, kann im System Artikel schreiben, Bilder einziehen oder sich mit dem abendlichen Feinschliff befassen. Die Frage geht im Haus herum: Erscheint morgen etwa keine Zeitung? Die HNA-Chefredaktion kommt aus dem Krisengespräch, hat einen Plan im Gepäck: Bei einem befreundeten Verlag der HNA, der mit einem ähnlichen Redaktionssystem arbeitet, funktioniert die Produktion.

Eine Stunde Fahrt bis Korbach, dem Sitz der Waldeckischen Landeszeitung. Drei Redakteure fahren dorthin, um eine Notausgabe zu produzieren. Zwei Stunden bleiben bis zum Andruck. Zwei Stunden, um acht Seiten mit Material zu füllen, Bilder einzuziehen, alles auf Zeile zu bringen. Keine Zeit für große Unterhaltungen, konzentriert wird abgearbeitet – es gelingt. Die Notausgabe steht.

Es läuft wieder

Die Druckerpressen laufen. Erleichterung: Es wird eine Zeitung geben, wenn auch deutlich abgespeckt und nicht mit gewohnter Qualität. Plötzlich funktionieren die Systeme auch in Kassel wieder. Die Redakteure, die in den Redaktionen bis in den späten Abend gewartet haben, legen nun los. So müssen nur die früh angedruckten Ausgaben mit der Notausgabe versorgt werden.

Der Tag danach 

Fehlersuche: In der IT zerbrechen sich die Mitarbeiter am Tag danach die Köpfe, wo der Fehler gelegen habe könnte. In Kassel stehen die Server für die komplette Nordgruppe des Ippen-Verlags. Was klar ist: Auf eine Festplatte mit 50 Terabyte (etwa 50 000 Gigabyte) konnte plötzlich nicht zugegriffen werden – bis in den Abend hinein. Nun läuft wieder alles wie gewohnt. Die Fehlersuche dauert an.

Hintergrund: Die Produktion der HNA

Die komplette Nordgruppe des Ippen-Verlages, zu der neben der HNA unter anderem auch die Offenbachpost sowie der Westfälische Anzeiger gehören, arbeitet inzwischen mit einem Redaktionssystem namens Alfa. Alle Informationen der Seiten - Artikel, Bilder, Texte - die abends digital in den Druck gehen, laufen zentral auf den Servern in Kassel ein. Das sind erheblich Datenmengen, schließlich gibt es allein bei der HNA 15 Lokalredaktionen, die täglich eigene Lokalteile produzieren. In den Serverräumen gibt es hunderte von Datenspeichern. Viele davon sind redundant, sie sichern die Daten also sozusagen doppelt. Auf ein Datenspeichersystem war am Montag plötzlich kein Zugriff mehr möglich. Gegen 22 Uhr erhielten die Redaktionen dann grünes Licht für die weitere Arbeit. Trotz eines doppelten Sicherheitssystems konnte der Fehler nicht lokalisiert werden.

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