Die Nummer gegen Kummer:

20.000 Nordhessen melden sich pro Jahr bei der Telefonseelsorge

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Seit 1992 bei der Telefonseelsorge Nordhessen: Helga Thomson.

Kassel. Eine Million Menschen, Tausende Probleme und eine Leitung, die für viele Menschen manchmal die letzte Rettung ist. Zu Besuch bei der Telefonseelsorge in Nordhessen.

Bei der Telefonseelsorge Nordhessen steht das Telefon niemals still. 20.000 Menschen aus Nordhessen rufen diese Nummer im Jahr an, etwa 50 am Tag.

Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist kostenlos:

0800/1110111 oder 0800/1110222

Was aus einem Anrufer nach dem Gespräch wird, der aus Einsamkeit, mit Beziehungsproblemen oder Selbstmordgedanken anruft, das werden die Mitarbeiter der Telefonseelsorge nie erfahren. „Daran muss man sich erst gewöhnen“, sagt Helga Thomson, Geschäftsführerin der Telefonseelsorge Nordhessen. Sowohl Anrufer als auch Mitarbeiter bleiben im Gespräch anonym. Wer die Nummer der Telefonseelsorge wählt, landet automatisch – sofern er aus Nordhessen anruft – bei der Seelsorge in Kassel.

1992 hat Helga Thomson (64) in Kassel angefangen. Damals holten sich im Schnitt 7000 Menschen pro Jahr Hilfe am Telefon – sechs Jahre später, nachdem der Markt für andere Telefonanbieter geöffnet wurde und das Postmonopol fiel, waren es auf einmal drei Mal so viele.

Was Menschen quält, habe sich in der Zeit kaum verändert, sagt Thomson. Einsamkeit und Beziehungsprobleme seien häufig Anlass der Anrufe.

Das bestätigt auch eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, seit 33 Jahren bei der Telefonseelsorge, die anonym bleiben soll. Sie ist eine von 75 Ehrenamtlern, die nach einer einjährigen Schulung Schichtdienste übernehmen. 24 Stunden ist das Telefon besetzt. „Wir wollen zuhören, einen Rat geben, aber wir sind keine Psychologen“, sagt Thomson. Ist die Leitung nicht frei, weil die Mitarbeiterin mit einem Anrufer spricht, wird der Anruf an andere Stellen in Hessen weitergeleitet.

„Gestern haben drei über 80-Jährige angerufen, die sich einsam fühlten und über ihre Krankheiten berichteten“, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin. Es sei auch vorgekommen, dass Menschen ihre Nummer wählten, nachdem sie Schlaftabletten genommen hatten, um sich das Leben zu nehmen. „Dann versuchen wir natürlich die Adresse zu erfragen, um den Notarzt dorthin zuschicken“, sagt Thomson. Auch bei der Androhung von Kriminaldelikten informierten sie die Polizei.

Mehr Anrufe gebe es auch immer dann, wenn bekannten Menschen etwas zustößt: etwa der Freitod von Nationaltorwart Robert Enke oder Hannelore Kohl. „Aber auch, wenn es einen traurigen Film im Fernsehen gibt. Dann ist zwischen 20 Uhr und 22 Uhr Ruhe und danach rufen die Menschen an“, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin.

In der Vergangenheit haben die Helfer einen Anstieg psychischer Probleme festgestellt. „Ich glaube, da läuft etwas in der Gesellschaft falsch. Ich weiß aber nicht was“, sagt Helga Thomson. Auch in Zukunft sieht sie einen Bedarf für die Hilfe am Apparat. Das größere Problem sei dann aber vor allem, ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden.

Hintergrund:

Eine volle Stelle gibt es bei der Telefonseelsorge Nordhessen, sagt Geschäftsführerin Helga Thomson. Diese teilt sie sich mit einer Kollegin. Der Großteil der Kosten wird von der evangelischen und katholischen Kirche getragen. Rund 150.000 Euro braucht die Seelsorge etwa im Jahr. Deshalb ist sie auch auf Spenden angewiesen.

Wussten Sie, dass...

• nur 10 Prozent der Anrufer ihren Namen nennen?

• 56 Prozent der Anrufer in Nordhessen Frauen sind und 44 Prozent Männer?

• 48 Prozent der Anrufer zwischen 40 und 60 Jahren alt sind?

• Die Telefonseelsorge in Kassel eine von 108 in Deutschland ist?

• vergangenes Jahr deutschlandweit rund 7 500 Ehrenamtliche etwa 1,8 Millionen Anrufe anonym empfangen haben ?

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