Khalil Abdoush hospitiert in Kasseler Praxis

Obwohl er top ausgebildet ist: Zahnarzt aus Syrien darf nur zuschauen

In der Praxis: Khalil Abdoush (31, links) hospitiert bei Zahnarzt Dr. Axel Klatt. Helfen darf er nicht, nur daneben stehen und bei Behandlungen zusehen. Foto: C. Hartung

Kassel. Seit einem knappen Jahr ist Khalil Abdoush in Deutschland. In seinem Heimatland Syrien hatte der Zahnarzt seit vier Jahren eine eigene Praxis.

„Jeden Tag habe ich etwa 20 Patienten behandelt“, erzählt er stolz. Als die Praxis mit Raketen attackiert wird, flieht der 31-Jährige nach Europa. Seit rund zwei Monaten hospitiert er in Kassel in der Zahnarztpraxis Dr. Klatt und Kollegen. „Er darf nur zuschauen und nicht arbeiten“, sagt Dr. Axel Klatt. „Das ist wirklich schade, er kennt nahezu alle Verfahren und ist top ausgebildet.“

Abdoush hat keinen Asylantrag in Deutschland gestellt, er hat ein Visum bis 2017 und hält sich mit erspartem Geld über Wasser. „Ich habe Verwandte in Bad Arolsen, die haben mich eingeladen, hierher zu kommen“, sagt Abdoush, der in einer Wohnung in Kassel wohnt. Zu gerne würde er wieder als Zahnarzt arbeiten, aber „das ist sehr schwierig“, erzählt er. Für eine Berufserlaubnis muss Abdoush eine spezielle Sprach- und Kenntnisprüfung ablegen. „Das kostet natürlich alles sehr viel Geld“, sagt Abdoush. „Und die Durchfallquote beim ersten Prüfungsversuch liegt bei 80 Prozent“, sagt Klatt. „Wie soll sich ein Flüchtling das denn leisten können?“, fragt sich der Zahnarzt. Er ärgert sich darüber, dass Abdoush in Deutschland nicht als Zahnarzt arbeiten darf. „Er könnte doch alle syrischen Flüchtlinge hier behandeln und das ganz ohne Dolmetscher.“

In Weißrussland studiert

Khalil Abdoush hat in Weißrussland Zahnmedizin studiert, seine Praxis hatte er in der 520.000-Einwohner-Stadt Hama. Seine Eltern und Brüder leben noch in Syrien. „Deshalb habe ich auch keinen Asylantrag gestellt. Denn als Asylbewerber dürfte ich nicht nach Syrien zurück.“ Wenn aber etwas mit seiner Familie sei, müsse er dorthin fahren, um sie zu unterstützen.

Deutschunterricht

Deutsch lernt der 31-Jährige jeden Tag fünf Stunden an einer Sprachenschule. „Eigentlich wäre ich gerne in einem arabischen Land geblieben, aber für mich als Christ ist es unmöglich, dort zu leben“, erzählt Abdoush. „Man wird als Christ dort behandelt wie ein Ungläubiger. Für mich kam deshalb nur Europa in Frage.“

Obwohl Abdoush nur bei Behandlungen zuschauen darf, fühlt er sich wohl in der Zahnarztpraxis. „So mache ich etwas Sinnvolles und sitze nicht nur zuhause rum.“

Sein größter Traum sei, bald wieder als Zahnarzt zu arbeiten. Deshalb will er so schnell wie möglich alle Prüfungen für die Approbation ablegen.

Hintergrund: Staatliche Zulassung benötigt

Damit man in Deutschland ohne Einschränkungen als Arzt arbeiten darf, benötigt man eine staatliche Zulassung, eine Approbation. Geprüft wird von der Ärztekammer, ob die vorhandene Ausbildung gleichwertig mit einem deutschen Abschluss ist. Alleine die Teilnahme an der Kenntnisstandprüfung kostet in Hessen zwischen 1100 und 1200 Euro. Zudem ist ein spezieller Sprachnachweis der allgemeinen und der medizinischen Fachsprache erforderlich. 1000 Unterrichtsstunden und mehr sind keine Seltenheit, um dieses Niveau zu erreichen.

Ein Gleichwertigkeitsverfahren ist unter anderem auch bei Rechtsanwälten, Architekten, Apothekern und Altenpflegern eine zwingende Voraussetzung für ausländische Bewerber. Handwerkliche Berufe wie Dachdecker können ohne diese Prüfung ausgeübt werden. Will man sich allerdings in Deutschland selbstständig in einem handwerklichen Beruf machen, muss ebenfalls eine Gleichwertigkeitsprüfung abgelegt werden.

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