Situation für die chronisch kranken Betroffenen hat sich zugespitzt

Probleme, Termin zu bekommen: Parkinson-Patienten wurden abgewiesen

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Parkinsonpatienten sind auf die fachärztliche Betreuung durch einen Neurologen angewiesen.

Kassel. Parkinsonpatienten haben in der Region Kassel offenbar immer größere Probleme, Neurologen für ihre ambulante Versorgung zu finden.

Nachdem im vergangenen Jahr zwei Kasseler Nervenärzte ihre Tätigkeit beendet hatten, hat sich die Situation für die chronisch kranken Betroffenen offenbar noch zugespitzt.

So ist unter anderem eine 75-jährige Kasselerin seither auf der Suche nach einem Neurologen. Der lang ersehnte Termin bei einem Facharzt im Februar endete für sie mit einem verzweifelten Tränenausbruch. Denn dieser lehnte die Behandlung von Parkinsonpatienten rundheraus ab.

Die Situation habe sich im zurückliegenden halben Jahr noch weiter verschlechtert, weiß auch die Chefärztin der Paracelsus-Elena-Klinik Prof. Dr. Claudia Trenkwalder. Häufig riefen in der Fachklinik Patienten an, weil sie dringend einen Termin brauchen.

Auch Ellen T. wandte sich verzweifelt an die Klinik. Denn von dem niedergelassenen Neurologen hatte sie gerade einmal ein Rezept für Medikamente für die nächsten fünf Tage erhalten.

„Manchmal lässt es sich gar nicht anders lösen, als den Patienten stationär aufzunehmen“, schildert Trenkwalder. So war es auch in dem Fall der 75-jährigen, die so zunächst einmal versorgt ist, jedoch nicht weiß, wie es danach weitergehen soll.

Wenn Parkinson-Patienten neu auf Medikamente eingestellt aus der Klinik entlassen werden, sei es eigentlich nötig, dass sie nach einigen Wochen wieder von einem Neurologen angeschaut werden, betont die Chefärztin. Doch die Patienten, auch wenn sie privat versichert sind, bekämen zum Teil überhaupt keine Termine mehr. Es gebe zu wenig niedergelassene Neurologen.

Auch die Ambulanz an der Elena-Klinik könnte nur in bestimmte Fällen helfen. Trenkwalder: „Wir dürfen Patienten nur dann ambulant behandeln, wenn ein Neurologe sie vorher gesehen und eine Überweisung ausgestellt hat.“

Georg Ritter, der in der Selbsthilfegruppe Deutsche Parkinsonvereinigung in Kassel mitarbeitet, war bisher erfolglos bei der Suche nach einem Neurologen, der seine Lebensgefährtin weiter behandelt. Wegen ihrer schweren chronischen Erkrankung waren die beiden vor 16 Jahren nach Kassel gezogen, um in der Nähe von Deutschlands ältester Fachklinik für Parkinson zu sein.

Kürzlich telefonierte er eine Ärzte-Liste ab, die er von der KV bekam. Wobei es von den zwölf aufgeführten Neurologen es vier ablehnten, eine Parkinson-Patientin neu aufzunehmen, und vier weitere einen Termin in einem oder eineinhalb Jahren angeboten hätten. Beim Rest wartet er noch auf Rückmeldung.

Aus informierten Kreisen ist zu hören, dass sich zeitnah eine Lösung für die beiden frei gewordenen Arztsitze abzeichnen könnte. „Doch auch 100 Neurologen nützen uns nichts, wenn sie nicht bereit sind, uns zu behandeln,“ sagt die Vorsitzende der Kasseler Parkinson-Selbsthilfegruppe Vera Borchers.

Hintergrund

Morbus Parkinson

Parkinson (Schüttellähmung) ist eine unheilbare Erkrankung, bei der bestimmte Nervenzellen des Gehirns zugrunde gehen. Dadurch kommt es zu einem Mangel des Hormons Dopamin. Symptome sind Bewegungsarmut bzw. -verlangsamung, Muskelsteifheit und Zittern. Betroffen sind meist ältere Menschen. Der Selbsthilfegruppe der Deutschen Parkinsonvereinigung in Kassel gehören rund 150 Mitglieder an.

Kontakt und Informationen: www.parki-kassel.de 

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Bedarfsplanung und Wirklichkeit

Dass es mitunter schwierig ist, Termine bei Neurologen zu bekommen, zeigt eine Bilanz der vor sieben Wochen eingerichteten Terminservicestellen in Kassel – mit weitem Abstand die größte Nachfrage nach Terminen gibt es bei den Neurologen. Das sei kein Wunder, sagt der Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, Frank Dastych, denn es gebe zu wenige Neurologen. Die Bedarfsplanung in der Gesundheitspolitik für eine älter werdende Gesellschaft sei unzureichend. Zumal mit zunehmendem Alter auch neurologische Krankheitsbilder wie Parkinson, Schlaganfall und Gangstörungen häufiger werden. Nach der bisherigen Bedarfsplanung gelten die Stadt Kassel mit 130,41 Prozent (8,8 Arztsitze) und der Kreis Kassel mit 121,93 Prozent (18,4 Arztsitze) als überversorgt, somit ist diese Arztgruppe derzeit für Neuzulassungen gesperrt, erläutert KV-Sprecherin Petra Bendrich auf Anfrage.

Hinzu kommt, dass zu der Arztgruppe Nervenärzte in Hessen Neurologen, Psychiater sowie Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie gezählt werden. Auch werden Neurologen in Hessen im Vergleich zu anderen Bundesländern schlechter bezahlt. Zum Teil liegen die Honorarsätze pro Patient und Quartal für niedergelassene Neurologen in anderen Ländern über 50 Prozent höher als in Hessen, erläutert eine Fachärztin.

Die Behandlung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson sei jedoch zeitaufwendig und belastet auch durch die vielen teuren Medikamente zusätzlich das Budget der Ärzte.

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