24-Stunden-Job: Friedrich Ebrecht betreibt die einzige Mühle in Kassel

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24-Stunden im Dienst: Friedrich Ebrecht vor einer der Maschinen, die das Getreide mahlen. In den Silos ist Platz 200 Tonnen Mehl und 800 Tonnen Getreide.

Kassel. Bereits in der fünften Generation betreibt die Familie Ebrecht im Stadtteil Philippinenhof-Warteberg die Pariser Mühle. Müller Friedrich Ebrecht gibt einen Einblick seine Arbeit und erklärt den Weg vom Getreide zum backfertigen Mehl.

Feierabend hat Friedrich Ebrecht eigentlich nie, denn die Pariser Mühle im Stadtteil Philippinenhof ist an den meisten Tagen im Jahr rund um die Uhr in Betrieb. „Am Abend werden die Mahlvorgänge programmiert, die dann in der Nacht durchlaufen“, sagt der Müller. Manchmal höre er dann nachts, wenn seine Mühle plötzlich stoppe, dann würde er auch schon mal aufstehen, um den Fehler zu finden.

„Bei uns gibt es keine Saison“, sagt Ebrecht. „Brot kommt immer auf den Tisch.“ Geerntet werde das Getreide zwar im Sommer, in der Pariser Mühle werden aber das ganze Jahr über Weizen, Roggen und Dinkel zu Mehl gemahlen.

Vom Getreide zum Mehl: Aus dem angelieferten Korn wegen Proben ausgewertet, ob es den hohen Ansprüchen genügt, die für das Mehl notwendig sind. Anschließend wird das Getreide gereinigt, bevor es in zahlreichen Mahlvorgängen geschrotet oder zu verschiedenen Mehlsorten gemahlen wird. Die meisten Vorgänge in der Mühle können von Friedrich Ebrecht am Computer geplant und gesteuert werden.

Die meisten Bauern lagern ihre Ernte selbst ein und liefern das Getreide dann der Mühle im Philippinenhof an. „Vorab werden dann Proben genommen“, erklärt Müller Ebrecht. Dafür gibt es im Betrieb ein eigenes kleines Labor. Für die Verarbeitung zu Backwaren müsse das Getreide nämlich von besonders hoher Qualität sein. Der sogenannte Backweizen habe einen höheren Stärke- und Eiweißgehalt. Nur wenn da die Werte passen, kann das Getreide zu Mehl verarbeitet werden. Bei schlechterer Qualität ist nur die Nutzung als Futtergetreide möglich.

Zuerst wird das Getreide in mehreren Schritten gründlich gereinigt. Dabei ist Sorgfalt gefragt, da es sonst sein kann, dass es nicht mehr die richtigen Backeigenschaften hat oder die Mahlwerke Schaden nehmen. Das entstehende Abfallprodukt bezeichnet man als Kleie. Damit das Getreide gleichmäßig gemahlen werden kann, wird es mit Wasserdampf befeuchtet. So wird auch die Trennung von Mehl und Kleie erleichtert.

Insgesamt 16 Mahlvorgänge durchläuft das Getreide, bevor es als Mehl in Säcke oder Lastwagen abgefüllt wird. Für Waren wie Kuchen und Weißbrot wird besonders feines Mehl verwendet. Groberes Mehl mit viel Schrotanteil ist die Grundlage für Brote.

In der Pariser Mühle wird das Getreide ausschließlich von Landwirten aus der Region bezogen. In einem Umkreis von hundert Kilometern kommt das Getreide nicht nur aus Hessen, sondern auch aus Thüringen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Grund dafür sei laut Ebrecht, dass die Bodenqualität für regional sehr unterschiedliche Ernten sorge.

Die Pariser Mühle wurde um 1850 zur Versorgung der Kolonie Philippinenhof gebaut. Der Name Pariser Mühle soll durch den Erbauer, den Müller Friedrich, geprägt worden sein. Da er sich einige Zeit in Paris aufgehalten hatte, wurde er allgemein nur der Pariser Friedrich genannt.

Die Pariser Mühle ist heute der letzte Getreide mahlende Mühlenbetrieb in Kassel. Durch Einheirat kam die Mühle an die Familie Ebrecht, in deren Besitz sie sich nun schon über Generationen gehalten hat. Und bereits damals konnte man hier, neben Mehl, auch Futter für das Vieh kaufen.

Einblicke in die Pariser Mühle Ebrecht

Der Ausbau der Mühle sorgte für Bedenken im Stadtteil

Über den Ausbau der Pariser Mühle hat es in den vergangenen Jahrzehnten im Stadtteil Philippinenhof-Warteberg einen langen Streit gegeben.

Anwohner hatten sich teils vehement gegen die geplanten Silos gewehrt - aus Angst, dass die Bauten Schatten auf die Grundstücke werfen. Der Ortsbeirat hatte erst zu- und dann gegen den Bau gestimmt.

Am Ende kam Müller Ebrecht den Anwohnern entgegen und baute lediglich ein kleineres Mehlsilo, das das ursprüngliche Mühlengebäude nur um wenige Meter überragt. „Ich denke, dass damit alle zufrieden sind“, sagt Friedrich Ebrecht. Bislang habe es bei ihm noch keine Beschwerden gegeben, und von den Maschinen würde kaum ein Geräusch bis zu den Wohnhäusern dringen.

Auch der stellvertretende Ortsvorsteher von Philippinenhof-Warteberg, Helmut Pfaff, bestätigt, dass der Streit um den Ausbau viele Jahre ein großes Thema im Stadtteil war. Seit das neue Mehlsilo auf dem Gelände stehen würde, habe er aber von keinen Klagen von Bewohnern gehört.

„Ich denke, dass der Bau in der Größe eine gute Kompromisslösung ist, mit der alle Bürger und auch der Müller gut leben können.“ Auch sonst sei von dem Betrieb der Mühle im Stadtteil kaum etwas zu hören. 

Die Mühle in Zahlen

Die Pariser Mühle ist die einzige auf Kasseler Stadtgebiet. Einige Daten und Fakten zum Betrieb.

2 Silos stehen auf der Anlage im Stadtteil Philippinenhof-Warteberg, die im 18 Jahrhundert erbaut wurde.

3 Sorten Getreide werden in den Mahlwerken gemahlen. Davon ist 80 Prozent Weizen, gut 18 Prozent sind Roggen und zwei bis drei Prozent sind Dinkel. Der Anteil an Dinkel wird laut Ebrecht in den nächsten Jahren weiter steigen, da das Getreide für Allergiker verträglicher ist als Weizen.

6 Mitarbeiter beschäftigt Friedrich Ebrecht in seinem Betrieb, den er bereits in der fünften Generation im Besitz der Familie Ebrecht ist.

19 Meter ist das Mehlsilo auf der Anlage hoch. Damit überragt es die alte Mühle nur um wenige Meter.

20 unterschiedliche Mehlsorten werden in der Mühle gemahlen. Je höher die Nummer des Mehltyps ist, desto gröber ist das Getreide. Mehl vom Typ 405 eignet sich beispielsweise besonders gut für Kuchen, Typ 1800 ist geschrotet und daher für Brot zu verwenden.

24 Stunden ist die Mühle an den meisten Tagen im Jahr in Betrieb.

200 Tonnen Mehl passen in die Kammern des Mehlsilos. Von dort wird es in Lastwagen und Säcke abgefüllt und zu den Bäckereien in der Region transportiert.

800 Tonnen Korn können die Speicher im Getreidesilo fassen.

Das Angebot im Mühlenladen

Alle Erzeugnisse der Pariser Mühle, viele weitere Getreideerzeugnisse und Tierfutterartikel gibt es auch im Mühlenladen zu kaufen. Er ist von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr geöffnet und am Samstag von 9 bis 13 Uhr.

Weitere Infos und mehr zur Geschichte der Pariser Mühle findet sich unter www.pariser-muehle.de

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