Ex-Bundestagsvizepräsident Richard Wurbs (FDP) feiert heute seinen 90. Geburtstag

Politik kam nach der Maurerlehre

Kassel liegt ihm am Herzen: Für Richard Wurbs - hier mit einer Fuldaansicht - haben seine Kasseler Wurzeln eine große Bedeutung. Seit Generationen prägen seine Vorfahren die Lokalgeschichte. Foto: Fischer

Kassel. Nach 90 Lebensjahren kann man Bilanz ziehen. Und wenn die so prall gefüllt und gleichzeitig so harmonisch ausfällt wie bei Richard Wurbs, dann darf man sich getrost zurücklehnen. „Ich bin mit mir im Reinen“, sagt der Jubilar. Er habe sich sein Leben lang bemüht, bescheiden zu bleiben, sagt der ehemalige Bundestagsvizepräsident und Kasseler Ehrenbürger. Er lacht: „Deshalb habe ich auch ein paar Freunde.“

Vor allem hat Wurbs, langjähriges Mitglied der FDP-Stadtverordneten-Fraktion, eine beeindruckende Familie, deren Kasseler Wurzeln weit zurückreichen und deren Verdienste Lokalgeschichte sind. Schon der Großonkel Georg Seidler war Maurer, Stadtrat und Ehrenbürger, und Kaiser Wilhelm II. schätzte ihn als witzigen Gesprächspartner.

Wurbs ist in vieler Hinsicht eine treue Seele. Mit seiner Frau Friedel (85), ebenfalls Kasselänerin, ist er seit 64 Jahren verheiratet. Seit Jahrzehnten wohnt die Familie in Wehlheiden. Zwei Söhne und drei Enkeltöchter leben teilweise in der Nachbarschaft.

Väterlicher Betrieb

Er war 19 und hatte Abitur gemacht, als er noch am selben Tag als Soldat in den Krieg geschickt wurde. Nach fünf schweren Jahren kehrte der junge Mann aus dem Russlandfeldzug zurück. Eigentlich habe er Jura studieren wollen, sagt er, aber alle fanden es vernünftiger, in das 1895 vom Großvater gegründete Baugeschäft einzusteigen. „Aufzubauen gab es schließlich genug.“ Der Bruder war gefallen, und so sollte Richard die Familientradition

fortführen. Von der Maurerlehre über die Meisterprüfung und ein späteres Hochbauexamen arbeitete sich Wurbs beharrlich immer höher.

Politisches Engagement war für ihn eine Selbstverständlichkeit. „Ich wollte dazu beitragen, dass sich so eine Katastrophe wie die Hitler-Diktatur niemals wiederholt“, sagt er. 1955 trat er in die FDP ein.

Auch seine politische Karriere verlief in Turbo-Geschwindigkeit: Stadtverordneter, Kreis- und Bezirksvorsitzender, Bundestagsabgeordneter, Bundestagsvizepräsident. Auf dem Bonner Parkett fühlte er sich wohl und pflegte Freundschaften über die Parteigrenzen hinweg. Wegen seiner Sympathie für Bundeskanzler Willy Brandt („Der hatte Visionen.“) wurde er als „Roter Bruder“ abgestempelt. „Man muss den Menschen achten und nicht nur aufs Parteibuch blicken“, sagt er.

Eine weitere Karriere war Wurbs mindestens ebenso wichtig wie die bundespolitische. In der Kasseler Heimat bekleidete er in der Handwerkskammer, deren Präsident er zehn Jahre lang war, hohe Ämter. Wurbs ist Mittelständler durch und durch: „Der Mittelstand ist das Fundament unserer Demokratie“, lautet sein Credo. „Und er hat heute einen besonders schweren Stand“, fügt er hinzu.

Noch immer verfolgt der hellwache Grandseigneur das politische Geschehen. Er selber hat sich 1985 aus der Politik zurückgezogen und seine Mandate niedergelegt. „Das sollte man frühzeitig erledigen“, sagt er, „um Jüngeren den Weg freizumachen.“

Von Christina Hein

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.